Rezension: „Atemhauch“

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–  Eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz und eine berührende Liebeserklärung

„Ich spüre, dass sie mir etwas verheimlichen. Wie bei einem Kind, dem man nicht zutraut, dass es eine schreckliche Nachricht verkraftet. Und sie wird schrecklich sein. Da bin ich mir sicher. Deshalb traue ich mich nicht zu fragen.“ Sophia leidet unter Demenz. Sie weiß es nicht, aber sie spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie merkt es an der Art, wie alle um sie herumschleichen, wie sie sie reden lassen und manchmal gar nicht ernst nehmen. Wie sie mit gewichtiger Miene nicken, wenn sie im Spaß ein bisschen Blödsinn erzählt, wie sie versuchen, in allem, was sie sagt, einen Sinn zu erkennen. Doch zwischen sie und ihre Familie hat sich eine Milchglasscheibe geschoben. Man kann ein bisschen hindurch sehen, doch klare Konturen sind unmöglich zu erkennen. Immer weiter scheint sie von denen fortzutreiben, die sie liebt. Auch von ihrem Enkel Markus, der nicht ertragen kann, dass seine geliebte Oma nach und nach zu entschwinden scheint. Er will sie noch immer ernst nehmen und ihr eine Stimme geben. Doch dabei wird unwillkürlich Sophias Stimme immer leiser – und seine immer lauter.

„Atemhauch“ hat Markus Träger das Buch genannt, das seiner Oma gewidmet ist. Ein Wort, das genau beschreibt, wie Sophia langsam aber stetig aus ihrem Körper verschwindet, sich auflöst, verblasst. Mit jedem Ausatmen ist ein bisschen mehr von ihr gegangen. Und umso stärker nimmt Träger ihren Platz in den Schilderungen ein. Füllt die Lücken, die in Sophias Erzählungen entstehen, fügt die Teile zusammen, die sonst keinen Sinn mehr ergeben. Ist Sophias Stimme am Anfang des Buches klar und deutlich – nur von gelegentlichen Unschärfen unterbrochen – so wird sie immer leiser, wie eine Melodie, die langsam ausfadet. Und immer da, wo Sophia hilfesuchend die Hand ausstreckt, wo sich eine kleine Unsicherheit in ihre Augen stielt, wo sie für einen Moment aus dem Konzept gerät und strauchelt, da greift Markus Träger ihre Hand und rückt die Welt wieder an ihren Platz. Es ist eine vergebliche Arbeit, ein Kampf, den die Angehörigen von Demenzkranken natürlich verlieren müssen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Markus weiß es, doch er versteht es als Liebesbeweis. Sophia soll nicht einfach so verblassen und sich aus dem Leben stehlen. Sie soll ihre Geschichte mit seiner Hilfe bis zum Ende erzählen können.

Markus Träger enthüllt in „Atemhauch“ eine Verletzlichkeit, die manchmal ein kleines bisschen zu viel ist, um sie zu verkraften. Er will nicht kitschig werden und nicht trivial. Er verzichtet auf jede Melodramatik, doch gerade diese Nacktheit seines Textes, die gewollte Einfachheit, konfrontiert uns mit einem Gefühl, das wir sonst gerne in viele schwülstige Worte kleiden, um seine Wirkung auf uns zu mindern. „Atemhauch“ ist ein Buch, das aus Liebe und Respekt geschrieben wurde, und vielen Angehörigen von Demenzpatienten aus der Seele sprechen wird.

Rezension: „Und dann war da noch“

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Phantasievolle Kurzgeschichten, die die Nebenfiguren großer Romane zu Helden machen

Sie begegnen uns in jedem Buch, führen ein unbeachtetes Schattendasein, streifen uns nur im Vorübergehen und verschwinden dann in die Unendlichkeit der Autorenphantasie: die Nebenfiguren. Doch einer hat sie jetzt ins große Licht gerückt: Stephan Anders hat ihnen in „Und dann war da noch“ einen Moment auf der großen Bühne geschenkt. „Jeder dieser Figuren hat ihre eigene spannende Geschichte zu erzählen und ich habe mich einen Moment lang zu jeder von ihnen gesellt, um sie mir anzuhören,“ schreibt Anders in dem liebevoll verfassten Vorwort, in dem er auch zugibt: „Ich habe mich selbst lange wie eine Nebenfigur im Leben anderer Menschen gefühlt. Irgendwie tauchte ich immer nur am Rand auf, wenn etwas Großes geschah. Da lag die Frage nah, wie es den Figuren gehen musste, deren Namen nie das Cover eines Bestsellers zierten.“

Nach diesem Vorwort kann man kaum noch anders: Man möchte zu gerne wissen, was aus den anderen Schülern in der Klasse von Zusaks „Bücherdiebin“ geworden ist, als die Bomben fielen, was das Mädchen in Distrikt 12 gespürt hat, als nicht sie, sondern Prim bei der Ernte für die „Hungerspiele“ in Panem ausgewählt wurde, was der Junge am anderen Ende des Gryffindor-Tisches spürte, der zu gerne Sucher im Quidditch-Team geworden wäre, der aber von Harry Potter ausgebootet wurde. Man möchte erfahren, wie die Besitzerin des Bed and Breakfasts in „Feuer und Stein“ reagierte, als Claire auf Nimmerwiedersehen durch den Steinkreis verschwunden war und ihr Mann alleine das Zimmer räumte, und welche Geschichte sie selbst mit dem magischen Steinkreis verbindet. Man möchte wissen, was das Mädchen in „Die Säulen der Erde“ empfand, wann immer sie ihren Angebeteten Jack von Aliena träumen sah.

Stephan Anders hat ihnen Kurzgeschichten gewidmet, Schlaglichter auf ihre Leben, die nicht weniger spannend sind als die der Hauptfiguren – wenigstens wenn man ganz genau hinschaut. Anders beweist dabei ein Gefühl für die Dramatik im Kleinen. Seine Helden mögen nicht den Lauf der Dinge verändert haben, wurden auch keine Helden, die die Menschheit in Sicherheit führten, aber in ihren Leben sind sie deshalb nicht minder bedeutsam. Manchmal braucht man deshalb einen kleinen Moment, bevor man überhaupt versteht, um welches Buch es sich eigentlich handelt, doch das verschafft einem in jeder Geschichte einen herrlichen „Aha“-Moment. All das macht „Und dann war da noch“ zu einem kleinen Geschenk für alle, die glauben, dass sie niemals zu den Hauptfiguren zählen werden. Stephan Anders sagt ihnen: „Du bist nicht weniger wert, weil du keine Katniss Everdeen oder kein Harry Potter bist. Du hast deine eigene Geschichte zu erzählen.“ Und mit dem was seiner Phantasie entspringt, unterhält er in „Und dann war da noch“ ganz fabelhaft.

Rezension: “Die Lebensformel – Das Buch von Allem”

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Imposantes Lebenswerk auf der Suche nach der Lebensformel

Angefangen hat alles ganz harmlos: Johanna Steglitz wollte abnehmen. Sie kaufte sich einen Diät-Ratgeber. Das war vor 15 Jahren. Seitdem hat Steglitz nach eigenen Angaben mehr als 250 Bücher zum Thema gehortet – und gelesen! Irgendwann kam dann der Punkt, an dem sie spürte, dass es eine Quintessenz aus all dem geben musste. Als Philosophie-Professorin witterte sie ein Muster, eine Formel hinter all dem, auf die sich das Konzept „Abnehmen“ reduzieren lassen müsste. Wenn man nur lange genug danach suchte. Was dann begann, kann man Sisyphos-Aufgabe nennen. Oder man nennt es Lebenswerk. Johanna Steglitz jedenfalls begab sich auf die Suche nach der Lebensformel. Puzzleteil für Puzzleteil setzte sie zusammen, was sich verbinden ließ, fand Schnittmengen und Erweiterungen, die sich zu einem Flickenteppich anwuchsen, der dem Leser Respekt abringt.

Zumal deshalb, weil nach den Diät- und Ernährungsratgebern noch lange nicht Schluss war. Für eine Lebensformel war ein ganzheitlicher Ansatz notwendig. Johanna Steglitz verknüpfte für ihre „Formel von Allem“ die Erkenntnisse aus der Ernährungswissenschaft mit den Ansätzen aus den Gesundheitsratgebern, die sie wiederum mit gesunder Lebensweise und den Anweisungen aus den Lebenshilferatgebern in Verbindung brachte. Über die Work-Life-Balance kam sie dann schließlich zu Karriereratgebern und Ratgebern zu Kindererziehung und Partnerschaft. Allzu leicht hätte sie sich dabei in einer Auflistung und Nebeneinanderstellung von Dos und Don’ts verlieren können. Doch der Philosophin war das nicht genug. Auf der ewigen Jagd nach der einzigen großen Lebensformel, wie sie Philosophen seit jeher beschäftigt, setzte sie zusammen, was zusammen gehört – und erkannte tatsächlich ein Muster. Einen Satz, auf den sich alles herunter brechen lässt. Eine Entdeckung wie ein Erdbeben! Bahnbrechend. Geboren aus der unüberschaubaren Masse an Büchern, die sich zu einem einzigen Satz verdichten lassen.

Man starrt ihn an, diesen Satz, dem Johanna Steglitz in „Die Lebensformel – Das Buch von Allem“ eine sonst leere Doppelseite gewidmet hat. Und fragt sich unweigerlich: Kann ich danach leben? Und – was noch wichtiger ist – lebe ich das perfekte Leben, wenn ich dieser Formel folge? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Johanna Steglitz kann es nicht mehr. Sie erkrankte noch im Endstadium ihres Lebenswerkes an Demenz und hat längst die Gewalt über ihr eigenes Leben verloren. Doch sie hat der Welt etwas Wunderbares hinterlassen: Die kleinste gemeinsame Schnittmenge aller Empfehlungen für das perfekte Leben. Die Lebensformel.

Rezension: “Unter dem Radar”

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Stürmischer Politthriller mit ungeheuerlicher Story

Abigail Storms Name ist in ihrem neuen Politthriller Programm, denn ein Sturm ist es wahrhaftig, der in „Unter dem Radar“ aufzieht. Europa, die USA und Russland haben sich in eine Situation manövriert, die immer schwieriger zu kontrollieren ist und am Horizont kündigen sich militärische Auseinandersetzungen an. Im Weißen Haus laufen die Köpfe heiß im Versuch die Medien und Märkte zu beruhigen und den Ernst der Lage vor der Bevölkerung geheim zu halten. Der Präsident braucht in dieser Phase seiner Amtszeit Moment nichts so wenig wie die Unsicherheit, die ein nahender Krieg mit sich bringen würde. Amerikas militärische Position ist nämlich längst nicht so stabil, wie es immer heißt. Ablenkung muss her und das perfekte Thema offenbart sich, als ein Flugzeug aus Kambodscha scheinbar spurlos verschwindet. Die Regierungschefs der Nato-Staaten erreicht ein Bekennerschreiben, in dem Terroristen die Flugzeugentführung gestehen und ihre Forderungen stellen.

Chris Norton, Mitglied des Beraterstabs im Weißen Haus mit vielen zwielichtigen Kontakten, sieht darin die Chance, auf die er gewartet hat, und weist absolutes Schweigen über das Bekennerschreiben an. Kein Wort davon darf an die Medien dringen. Stattdessen erfüllt Norton, der vom Präsidenten vollkommen freie Hand bekommen hat, sämtliche Forderungen der Terroristen und erkauft sich ihr Schweigen. Niemand darf erfahren, dass die mehr als 230 Passagiere an Bord der Boeing 777 noch am Leben sind. Stattdessen sollen die internationalen Medien gezielt mit Falschinformationen gefüttert werden, die das Verschwinden des Flugzeugs künstlich aufblasen und die Weltöffentlichkeit beschäftigt halten sollen, während sich das Weiße Haus im Geheimen für einen Angriff rüstet.

Abigail Storm hat für „Unter dem Radar“ eine ungewöhnliche Perspektive gewählt. Sie lässt ihren Protagonisten, Chris Norton, nicht auf der Seite von Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen, sondern lässt uns durch seine Augen direkt in das Herz der Verschwörung sehen. Die Genialität seines Planes, der nur als moralisch verwerflich bezeichnet werden kann, ist beachtenswert und als Leser kommt man nicht umhin, sich zu fragen, ob er aufgehen kann – und bis zum Ende mit zu fiebern. Ob es schlussendlich gelingt, soll hier nicht verraten werden. Die Lektüre lohnt sich aber allemal.

Einen interessanten Aspekt möchte diese Rezension aber nicht verschweigen: Ein erster Entwurf zu „Unter dem Radar“ von Abigail Storm fiel der internen Zensur durch den amerikanischen Verleger zum Opfer. Darin hatte sie ihre Geschichte so aufgelöst, dass die Passagiere auf Geheiß von Chris Norton (und damit im Namen der US-Regierung) entführt und zur US-Militärbasis Diego Garcia im Indischen Ozean geflogen worden seien. Dort wurden sie mehrere Monate gefangen gehalten, bis es einem von ihnen schließlich gelang, eine SMS zu versenden, die den Aufenthaltsort der vermissten Maschine und ihrer Insassen preisgab. Diese Fassung von „Unter dem Radar“ wäre sicher nicht weniger spannend zu lesen gewesen, als die nun Vorliegende.

Rezension: “Sehenden Auges in den Krieg”

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Aufrüttelndes Sachbuch anlässlich des 100. Jahrestags des Dritten Weltkriegs

„Wer hätte anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs, 2014, gedacht, dass der Dritte Weltkrieg so nah bevorstand?“ Mit diesen Worten beginnt Clark Christophe sein Buch „Sehenden Auges in den Krieg“, das nun, wiederum 100 Jahre nach dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs, erschienen ist. Es ist eigentlich eine rhetorische Frage, denn die Anzeichen dafür waren lange da, wie Christophe auf den folgenden 738 Seiten kenntnisreich und sehr detailliert darlegen wird. So zitiert Christophe zum Beispiel Joschka Fischer, der im Februar 2014 schon darauf hinwies, dass sich die Welt 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder an einem ähnlichen Punkt befand wie 1914. Besorgt sah Fischer nach Ostasien und sah dort „alle Ingredienzien der damaligen Katastrophe“. Die Region sei hochgerüstet gewesen, das heißt, sie verfügte über Atomwaffen und in China habe es eine aufstrebende Weltmacht gegeben. „Großmächterivalitäten, offene Territorial- und Grenzfragen, […] offene historische Rechnungen, Prestigedenken und kaum kooperative oder gar integrative Konfliktlösungsmechanismen, […] Machtdenken pur und überall Misstrauen.“

Doch wenn das alles so offensichtlich war, wie Clark Christophe in „Sehenden Auges in den Krieg“ schreibt und belegt, wie kam es dann, dass der Konflikt, der am 20. Februar 2014 mit 80 Toten auf dem Maidan in Kiew seinen Ausgang nahm, zu einer globalen Krise von solchen Ausmaßen heranwachsen konnte? Wie kam es, dass niemand alarmiert war, als sich Russland und China vor aller Augen verbündeten. Man sei sich in „weiten Teilen einig“ gewesen, hieß es damals von den beiden Großmächten. Wie kam es dann, dass der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier („25 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation ist die Gefahr einer erneuten Spaltung Europas real.”) die Gefahr zwar erkannte, aber dennoch mitzog, als die NATO bekannt gab, die zivile und militärische Zusammenarbeit mit Russland auf Eis zu legen und damit die Fronten weiter verschärfte? All das untersucht Clark Christophe akribisch und nutzt dafür auch zahllose Zeitungsartikel, Blog-Posts, Twitter- und Facebook-Kommentare als Quellen, die zeigen, wie deutlich die Zuspitzung bereits im April 2014 zu spüren war. Innerhalb weniger Wochen hatte sich etwas herausgeschält, das schon Jahre und Jahrzehnte unter der Oberfläche schwelte und als freundliches Verhältnis zwischen Russland und dem Westen getarnt worden war.

24 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges brach die Fassade dann auf und offenbarte, dass sich seitdem gar nichts verändert hatte und dass sich Russland und der Westen nach wie vor an der östlichen Grenze der NATO-Zone mit gezückten Schwertern gegenüberstanden. Die Geschwindigkeit, mit der die Situation in der Ukraine eskalierte und auf einen Weltkrieg zusteuerte, erzeugte innerhalb kürzester Zeit eine Atmosphäre der Angst, die sich in den Quellen nur zu deutlich widerspiegelt, die Clark Christophe hinzuzieht. Besonders spannend lesen sich daneben die nüchternen Analysen der Absichten aller Beteiligten. In wenigen Sätzen handelt Christophe ab, wie Putin vorgab, um das Wohl der Russen auf der Krim besorgt zu sein und die „heilige russische Erde“ in die Heimat zurückholen zu wollen. Auch die Sicherung des Militärstützpunktes in Sewastopol am Schwarzen Meer ist eher eine Randbemerkung. Vielmehr geht es Christophe darum, die Seele des „Sowjetmenschen“ Wladimir Putin (Swetlana Alexijewitsch) und seine späte Rache am Westen zu offenbaren. Doch Christophe gibt sich nicht mit dem Offensichtlichen und Vielgeschriebenen zufrieden und hinterfragt auch die Motive der NATO. Er zeigt, wie die NATO ohne mit der Wimper zu zucken gegen die Zusagen verstieß, die sie 1990 während der Verhandlungen zur deutschen Einheit gegeben hatte. Damals hatte sie erklärt, auf eine Osterweiterung des Bündnisses jenseits der Grenzen des Warschauer Paktes zu verzichten. Als wäre nichts dabei, sprach sich der scheidende Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen noch im März 2014 für die Erweiterung der Militärallianz gen Osten aus, klagte aber gleichzeitig Russland wegen eines Verstoßes gegen das Völkerrecht an.

Deutlicher kann man es kaum zeigen: Die Krim-Krise hatte gar nicht anders ausgehen können und führte notwendigerweise in den Dritten Weltkrieg. Nun kann man nur hoffen, dass uns die Erinnerung an die vielen, vielen Toten, die der Krieg mit sich brachte, als Mahnung für die Zukunft dienen wird. Damit sich all das nie wiederholt!

Rezension: “Fehlalarm: 10 Schnappschüsse”

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Erzählband mit Schnappschüssen unverfälschter Gefühlsgewalt

Anna Vogt erzählt in „Fehlalarm: 10 Schnappschüsse“ von Momenten, die man niemandem wünscht. Momente, die so schrecklich sind, dass wir sie uns eigentlich gar nicht ausmalen wollen. Aber es sind auch Momente, in denen sich das zutiefst Menschliche zeigt: Momente, in denen Menschen glauben, ihre Liebsten verloren zu haben. Die Angst ist das zentrale Element in dem kleinen Erzählband von Anna Vogt. Wahrlich keine leichte Lektüre. Eigentlich ein Buch, bei dem man sich fragt, warum man es überhaupt lesen sollte. Doch dieser Moment zwischen Hoffnung und freiem Fall löst im Leser ein ähnliches Gefühl aus wie der Sprung über eine Klippe. Noch ist nichts bestätigt, doch Angst und Grauen haben schon längst ihre Krallen ausgefahren. In ihrer minutiösen Studie aus zehn Schnappschüssen schält Anna Vogt das Gefühl der Angst mit forensischer Genauigkeit wie eiskaltes Glas aus ihren Erzählungen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Luisa, die vom Brand ihres Wohnhauses erfährt, in dem ihr Freund nach seiner Nachtschicht schlief. Man habe niemanden mehr retten können, bevor das Dach einstürzte, sagten ihr die betroffenen Feuerwehrmänner, als sie vor Ort eintraf. Luisa verliert augenblicklich den Boden unter den Füßen. Doch dann trifft ihr Freund Matt am Ort des Brandes ein. Er hatte Überstunden machen müssen und es noch gar nicht nach Hause geschafft, bevor das Feuer ausbrach. Und da ist die Geschichte von Jenna, deren Zwillingsschwester zwei Tage und drei Nächte verschwunden war, bevor sie sicher und wohlbehalten wieder auftauchte. Sie war zu ihrem viel älteren Freund ausgebüchst und hatte sich dort versteckt gehalten, um Zeit mit ihm verbringen zu können. Da ist die Geschichte von Isobel, die eine Eilmeldung auf ihrem Smartphone erhält, in der es heißt, ein Passagierflugzeug sei vor Gran Canaria abgestürzt – gerade in dem Moment, in dem ihre Eltern im Flieger auf die Urlaubsinsel saßen. Zehn Minuten später die zweite Meldung: Fehlalarm!

Besonders berührt die Geschichte von Tobias, der im Wartezimmer des Krankenhauses erfährt, dass es seiner Frau im Kreissaal sehr schlecht ginge. Man kämpfe um ihr Leben, sagte die junge Assistenzärztin, aber man könne ihm nicht viel Hoffnung machen. „Seien Sie auf das Schlimmste gefasst“, sagte die Ärztin „mit einer Anteilnahme, aus der auch Müdigkeit klang.“ So schreibt es Anna Vogt und vor unseren Augen zerbricht Tobias in eine Millionen Scherben. Kurz darauf die Entwarnung: Seiner Frau gehe es gut. Sie und das Kind seien wohlauf. Er könne direkt hinein. Man habe sich geirrt. Kurz vor Schluss des kleinen Erzählbandes begegnen wir noch Simon, dessen Kinder und Enkel zu einer Bergtour aufgebrochen waren und oben auf dem Kamm von einem Sturm überrascht wurden. Die Bergretter machten ihm wenig Hoffnung, fanden die fünf aber nach dem Sturm unverletzt unter einem Felsvorsprung, unter dem sie Zuflucht gefunden hatten.

All das erzählt Anna Vogt in „Fehlalarm: 10 Schnappschüsse“ in allerschönster Prosa, in einer Sprache, die mit scharfer Klinge unverfälschte Gefühle freilegt. Vor allem in der letzten Geschichte, die uns noch einmal ins Wartezimmer zurückführt, wo Tobias gerade die erlösende Meldung erhalten hat. Und während wir uns gerade in Sicherheit wiegen, schlägt Anna Vogt wie das Schicksal zu.

Basiert auf: Verwirrung um angeblichen Absturz: Spanier verwechseln Schiff mit Flugzeug

Rezension: “Vertuscht”

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Ein spannender Mystery-Roman voller Einfallsreichtum und frischen Wendungen

Fans von Dan Brown sollten sich diesen Namen merken: Alex Brankowski. Sein Roman „Vertuscht“ gereicht all denen zur Freude, die sich gerne auf eine literarische Schatzsuche begeben und einem gut gemachten Rätsel mit Fallen und Sackgassen einfach nicht widerstehen können. Was ihn von Dan Brown unterscheidet? Er ist weniger vorhersehbar, seine Ideen sind frischer, seine Wendungen überraschender. Und anders als Brown gibt Brankowski freimütig zu, dass er hier seiner Fantasie vollkommen freien Lauf gelassen und sich ordentlich ausgetobt hat. Dabei hat er in der Geschichte einiges auf den Kopf gestellt, was nun, in der Gegenwart dieses Romans, einer Dynastie zum Verhängnis werden könnte. Das macht beim Lesen vor allem deshalb so viel Spaß, weil nun wirklich alles möglich ist.

Es beginnt ganz harmlos: Griechische Forscher vom National Observatory in Athen untersuchen Landschaftsmalereien aus fünf Jahrhunderten und gleichen die Farbwahl der Gemälde von Caspar David Friedrich und Co. mit Daten zu Vulkaneruptionen seit 1500 ab. Doch die Tatsache, dass die Künstler von einst getreue Chronisten historischer Vulkanausbrüche waren, ist bei Weitem nicht die erstaunlichste Entdeckung. Stattdessen liefert ein unscheinbares Gemälde, das die Bucht von Málaga bei Sonnenuntergang zeigt, widersprüchliche Daten. Bei genaueren Untersuchungen stellt Eléni Sarantakos, Mitarbeiterin des Observatorys fest, dass die Farbe gar nicht, wie das Datum auf dem Bild vermuten lässt, aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt, sondern fast 150 Jahre jünger ist. Sie erkennt: Der Horizont des Gemäldes wurde nachträglich übermalt.

Doch warum? Mit ihrem Freund, dem Engländer Steven, begibt sich Eléni nach Málaga, stößt dort aber auf Schweigen. Weil das Bild kunsthistorisch vollkommen bedeutungslos ist, weckt dieses Verhalten Elénis Misstrauen. Und tatsächlich: Als sie die Farbe abtragen lässt, kommt darunter eine brennende Flotte zu Tage. Die spanische Armada! Die hätte jedoch zu jenem Zeitpunkt, dem Datum auf dem Bild zufolge, in der Straße von Gibraltar sein müssen, wo sie am 25. April 1607 vernichtend von einem Flottenverband aus den aufständischen Provinzen Holland und Seeland geschlagen wurde. Die Schlacht war das Ende der Seemacht Spanien und der Beginn der niederländischen Vormachtstellung auf den Weltmeeren. Hat es die bedeutende Schlacht nie gegeben? Was wird hier vertuscht?

Schicht für Schicht trägt Eléni Sarantakos die Farben der Geheimnistuerei ab, die über die Jahrhunderte verschleierten, was damals wirklich geschah – mit dramatischen Folgen für das niederländische Königshaus…

Basiert auf: Rote Farben auf Bildern: Klima auf alten Meisterwerken

Rezension: “500 Köpfe für den Kaiser”

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Historischer Roman aus Ägypten, der mehr ist, als er zu sein vorgibt

Auf den ersten Blick hat Johannes Nikau einen historischen Roman über Ägypten geschrieben und den Leser eingeladen, ihn in das siebte Jahrhundert zu begleiten, wo gerade die Arabische Eroberung des Landes in vollem Gange ist. Durch die Augen seines Helden, des byzantinischen Generals Theodorus, erleben wir mit, wie die Muslime die oströmische Provinz erobern. Den Geschichtsbüchern zufolge gelingt es den Arabern, Babylon zu erobern und schließlich – in langer Belagerung – Alexandria zu Fall zu bringen. Johannes Nikau aber erzählt die Geschichte in „500 Köpfe für den Kaiser“ ein bisschen anders. Und das hat einen Grund.
Die Geschichte, die der studierte Rechtswissenschaftler nämlich eigentlich erzählt, handelt von den ersten freien Wahlen in Ägypten im Jahr 2012, aus denen die Muslimbruderschaft rund um Mohammed Mursi gestärkt hervorging. Sie handelt von den tagelangen Protesten gegen Mursi im Juli 2013, vom Sturz des Präsidenten und der Staatskrise, die das Land seitdem in ihren Fesseln hält. Und sie handelt vom harten Durchgreifen der Übergangsregierung unter Adli Mansur, der im März 2014 529 Anhänger der Muslimbruderschaft zum Tode verurteilen ließ. Eine Zahl, die so gewaltig ist, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es sich um einen Tippfehler handelt.
Solche Zahlen im 21. Jahrhundert – das will nicht recht passen. Das muss sich auch Johannes Nikau gedacht haben, als er begann, „500 Köpfe für den Kaiser“ zu schreiben, einen Roman, der nur auf den ersten Blick das unschuldige Gewand eines historischen Romans trägt. Durch die Literaturgeschichte hinweg bedienten sich Autoren immer wieder historischer Stoffe, um darin Gesellschaftskritik zum Ausdruck zu bringen. Nikau gelingt die Tarnung hervorragend, denn die Geschichte entfaltet eine ganz eigene Spannung und Dynamik, die den Leser fast glauben macht, alles sei rein fiktiv und nur der reichen Vorstellungskraft des Autors entsprungen, der sich mit dem historischen Ägypten erstaunlich gut vertraut gemacht hat.
Am Ende von Johannes Nikaus düsterem Roman möchte man denken: Gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Doch ein einziger Blick in die Nachrichten reicht aus, um zu erkennen, dass dem nicht so ist. Besser hätte man diesen Wahnsinn in einem anderen Genre kaum zum Ausdruck bringen können!

Rezension: “150 Meter”

Poetischer Erzählband, in dem 150 Meter das Leben verändern können

150 Meter ist sie lang, die Oberbaumbrücke, die die Berliner Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg miteinander verbindet. Sie stand Pate für den Titel eines kleinen Büchleins, in dem 150 Meter Leben verändern können. Tagtäglich laufen Tausende von Menschen über diese Brücke und passieren dabei ebenso viele Menschen, ohne ihnen auch nur einen zweiten Blick zu schenken. Doch was, wenn man den Blick heben und dem Menschen in die Augen sehen würde, der einem da entgegenkommt? Dieses Gedankenexperiment hat Jennifer Mörike gewagt und in die Rahmenhandlung ihres Büchleins „150 Meter“ – ein Gang über die Oberbaumbrücke von Friedrichshain nach Kreuzberg – eine poetische Kette kleiner Begegnungen eingebunden. Jeder Blick eine mögliche Zukunft, jede Begegnung der Beginn einer gemeinsamen Reise.

Für Mörike steckt in jeder Begegnung die Möglichkeit, einen neuen Freund zu finden, eine beste Freundin, die große Liebe. Sie fragt sich verspielt und wortverliebt, was geschehen würde, wenn sie diesen oder jenen Menschen ansprechen würde. Den Jungen mit den großen Kopfhörern, der in seiner eigenen Welt zu leben scheint. Das Mädchen mit dem großen Stapel Bücher unter dem Arm. Den Mann mit dem eingefallenen Gesicht oder die Frau, die sie irgendwie an ihre Mutter erinnert, zu der sie kaum noch Kontakt hat. Jedes Mal, wenn Jennifer Mörike in „150 Meter“ den Blick hebt, öffnet sie die Tür in eine neue Zukunft, in eine Lebenslinie, die sein könnte – oder eben nicht. Und jedes Mal, wenn sie den Blick wieder senkt, schließt sich die Tür. Schließt sie keine neue Freundschaft, verliebt sich eben nicht in den Mann, der ihr so viel Herzschmerz bereiten würde, ohne den sie aber bald nicht mehr leben könnte, findet nicht die mütterliche Freundin, die ihr so lange gefehlt hat.

Einiges mag an Jennifer Mörikes kleinem Buch kitschig erscheinen, manches vorhersehbar. Doch das Bändchen mit seinen knapp 120 Seiten ist ein frischer, poetischer Blick auf die Stadt, die Mörike so liebt, auf die Möglichkeiten, die ihr innewohnen, die wir jeden Tag passieren, ohne sie zu erkennen oder gar wahrzunehmen. Auf ihre sympathische und unaufdringliche Weise steckt sie uns an mit ihrem kindlich-neugierigen Drang zu fragen: „Was wäre wenn?“ Das taucht den Weg zur Arbeit wenigstens für die nächsten Tage in ein ganz neues, goldenes Licht.

Rezension: “Yutu und die Nacht, die ewig währte”

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Ein bebildertes Kinderbuch für Lesefreunde zwischen 4 und 7 Jahren

„Yutu und die Nacht, die ewig währte“ ist ein liebenswerter Mutmacher, ein Kinderbuch, das große und kleine Leser direkt ins Herz trifft. Mit dem kleinen Mondfahrzeug Yutu hat Autorin Mia Young einen zeitgemäßen Helden geschaffen, den man einfach ins Herz schließen muss. Wall-e lässt grüßen, wenn der tapfere Himmelsstürmer während der 14 Tage währenden Mondnacht den Kontakt zur Erde verliert und droht, in der eisigen Kälte der ewigen Finsternis zu erfrieren. Das kleine Kerlchen, das nur von der Sonne lebt, die die Solarpanelen auf seinem Rücken speist, bleibt dennoch tapfer: „Ich darf jetzt nicht aufgeben“, lässt Mia Young ihn sagen und dem Leser bricht es fast das Herz. Bis zum Schluss drückt man Yutu die Daumen und bangt mit ihm, er möge die Mondnacht unbeschadet überstehen. Und siehe da: Als die Sonne über dem Mond aufgeht, erwartet die Menschen auf der Erde ein kleines Wunder…

Ein zauberhaftes Kinderbuch mit Happy End für junge Bücherfreunde zwischen 4 und 7 Jahren, das sie den Mond mit anderen Augen sehen lassen wird. Das liegt nicht zuletzt an den tollen Zeichnungen von Kristina Meyer.