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 – Beängstigend realistischer Thriller über das DAVOR aller postapokalyptischen Romane

„Mittendrin“ ist das Buch für alle, die sich schon immer gefragt haben, was eigentlich passiert ist, BEVOR ein Buch in einer zerstörten, fragmentarischen, postapokalyptischen Welt ansetzt. Ein Buch für alle, die das unbestimmte Gefühl haben, sich genau in diesem unheimliche DAVOR zu befinden. Beate Schirrmachers Roman macht aus dem abstrakten Begriff „Weltuntergang“ etwas Greifbares – und zwingt den Leser, Vergleiche zu ziehen, die ihn das Fürchten lehren werden. Am Anfang steht Sophia Mack mit ihren ganz alltäglichen Sorgen und Problemen. Eine Frau Mitte 30, deren Leben sich so laut um sich selbst dreht, dass das, was um sie herum passiert, nicht mehr als ein Hintergrundrauschen ist. Die Nachrichten dringen maximal an den Rand ihrer Wahrnehmung vor. Erst in der Wiederholung einzelner Begriffe entsteht Aufmerksamkeit.

Dafür bedient sich Beate Schirrmacher eines Kunstgriffs: Sie lässt die Nachrichten ihre Geschichten als steten Strom begleiten. Permanente Information. Wie aus dem Leben gegriffen. Doch in der Wiederholung wird deutlich, wo sich etwas zusammenbraut. Und immer lauter wird das Rauschen. Zunächst sind es nur einzelne Baustellen, die sich vor Sophia und dem Leser auftun: Finanzkrise hier, Flüchtlingsdrama da, Massenproteste hier, Ausbruch einer Seuche da. Schritt für Schritt erreichen diese Begriffe Sophia und werden zu steten Begleitern, die sich einen Weg in ihre Gedanken bahnen. Obwohl es in ihrer ich-bezogenen Welt dafür eigentlich keinen Platz gibt, erkämpfen sich die Themen immer mehr Aufmerksamkeit, ungewollt grübelt sie darüber nach, beginnt, sich Sorgen zu machen. Als würde eine Schlinge enger gezogen werden, wachsen sich die vielen einzelnen Feuer rings um Sophia zu einem globalen Flächenbrand aus. Plötzlich hängt alles zusammen, zeigen sich Strukturen und Muster, Masken werden abgelegt, wahre Gesichter gezeigt, aus Diplomatie wird Demagogie.

Militärputsch und Annektierungen, Flugzeugabstürze und Entführungen, Seuchen und Wirtschaftssanktionen, Waffenlieferungen und UN-Mandate, Anschläge und Verträge, Drohungen und Propaganda. Einzelne instabile Länder reißen ganze Unionen und Kontinente in den Abgrund, bringen Währungen zu Fall, kosten Arbeitsplätze, sorgen für Unzufriedenheit, für die es einen Schuldigen geben muss. Doch nichts ist leichter für die, die es darauf anlegen, als einen Schuldigen zu präsentieren. Da werden Feindbilder aus dem Hut gezaubert, denen man nun alles in die Schuhe schieben kann – von fehlenden Arbeitsplätzen bis hin zum Terrorismus. Dem generellen Unmut Luft machen – und dabei weit über das Ziel hinaus schießen. Er ist schnell zur Hand, dieser alte neue Feind, und mit den richtigen Mitteln, lässt sich gut gegen ihn hetzen. Ereignisse, die einen Tag zuvor noch kaum Bedeutung hatten, lassen sich nun instrumentalisieren. Jeder Grund für einen Krieg – gegen wen oder was auch immer – ist gut genug, denn Krieg ist das Ziel. Krieg bedeutet Geld und Macht, einen Umsturz der Verhältnisse, einen Neustart, eine Umverteilung. Auf Kosten anderer, ja, aber das ist egal.

Das alles muss Sophia im Laufe dieses düsteren Romanes erkennen. Und als sie es schließlich klar vor Augen sieht, da ist es längst zu spät. Schneller, immer schneller dreht sich der Strudel, ein Strudel dessen einziger Weg hinab in den Abgrund führt. Der Kampf um die eigene Haut, um das nackte Leben wird zu allem, was zählt. Er bringt alles andere beinahe zum Verstummen. In beeindruckender Konsequenz bleibt Beate Schirrmacher aber dennoch ihrem gewählten Stilmittel treu: Das Hintergrundrauschen ist noch da. Aber es wird durch Salven von harten, ungeschminkten, offen feindlichen Worten durchbrochen, die alle nur eins verheißen: den Untergang. Und weil Schirrmacher uns in „Mittendrin“ mitten in dieses Szenario hinein geworfen hat, lässt sie uns mit ihm auch ganz bis zum Ende gehen. Eine Rettung gewährt sie nicht.

Auch das ist Teil der außerordentlichen Konsequenz dieses Romans, der in seiner Unausweichlichkeit zu jenen Büchern gehört, die man am Ende aufatmend ins Bücherregal stellt, um den Fernseher ein kleines bisschen lauter zu stellen. Er soll das bedrohliche Hintergrundrauschen zum Schweigen bringen, das ein kleines bisschen lauter geworden zu sein scheint, seit man „Mittendrin“ in die Hände genommen hat.

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