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– Meditativer Spaziergang durch eine Welt, die vor dem Fernseher sitzt

Es stand gerade 5:0 in jenem denkwürdigen WM-Halbfinale Deutschland gegen Brasilien, als der Journalistin Katharina Johann eine Idee kam. Sie wollte wissen, was draußen vor der Tür passiert, während ganz Deutschland geschlossen vor dem Fernseher sitzt. „Es war ein bisschen wie die Frage, ob das Licht im Kühlschrank auch dann brennt, wenn die Tür geschlossen ist. Man weiß, dass es nicht so ist – und doch würde man es nur zu gern einmal sehen.“ In der festen Annahme, dass der Sieg der deutschen Elf recht sicher war, zog sie ihren Regenmantel über und trat vor die Tür. „Es war eine dunkle Welt unter dicken Wolken“, schreibt sie. „Eine dunkle Welt, die nur mir gehörte.“ Die Straßen in der Berliner Mitte – sonst immer geschäftig – waren wie ausgestorben. Ein Gefühl befiel sie, als wäre sie „wie Alice im Wunderland kopfüber in einen dystophischen Roman gefallen“, in dem es plötzlich keine Menschen mehr gibt. „Nur das blaue Flackern hinter den Fenstern erinnerte mich daran, dass es noch andere Menschen auf diesem Planeten gab.“

Die Halbzeitpause kam und ging – und mit ihr auch die Menschen auf den Straßen. Sie erschienen kurz, rauchten, schickten ein paar Raketen in den Berliner Nachthimmel und verschwanden wieder vor die Bildschirme. Zurück blieb Katharina Johann, die wissen wollte, was passierte, wenn die Welt nicht zuschaute. Zwischen die Newsticker-Meldungen auf ihrem Smartphone, die über den aktuellen Spielstand berichteten, schlich sich die Nachricht vom Bombardement auf Jerusalem. Eine Nachricht, die bei vielen sicher unterging. Was konnte wichtiger sein als das Spiel? Mit dieser Nachricht in der Hand stand Katharina Johann allein auf der Straße – und es ist dieses Bild, das sich dem Leser aus ihrem kleinen Büchlein „Während das Spiel lief“ in die Erinnerung einbrennt. Eines von vielen Fundstücken ihrer einstündigen Wanderung durch eine ausgestorbene Stadt. Da sind kurze Momentaufnahmen, Blicke durch Fenster, Geräusche, die niemand außer ihr hörte und Bilder, die niemand außer ihr sah, weil alle anderen die gleichen Bilder aus Brasilien bejubelten.

Im ruhigen Rhythmus ihrer Atemzüge hat Katharina Johann so ein beinah meditatives Buch geschrieben, das sich im Freudentaumel am Ende des Spiels (und des Buches) auflöst. Das Spiel ist vorbei und Johann wieder eins mit der Welt.

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