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Julia Mirren lässt in ihrem Roman „Paying the Price” zwei Welten brutal miteinander kollidieren. Dabei beginnt eigentlich alles ganz harmlos. Die Begegnung mit der 16-jährigen Sophie, einer Tochter aus gutem Londoner Hause, Schülerin an einer elitären Privatschule, wiegt den Leser in Sicherheit. Sophies Welt ist in Ordnung. Humanitäre Katastrophen und Armut kennt sie nur von den Flyern für die Wohltätigkeitsveranstaltungen, die sie hin und wieder organisiert und besucht – eben, weil es so von ihr erwartet wird. Man möchte Sophie gern oberflächlich und verwöhnt nennen, doch das wäre zu einfach gedacht. Ein solch simples Schubladendenken würde Julia Mirren, die bereits zwei großartige Romane geschrieben hat, nicht zulassen. Schon auf den ersten Seiten entsteht ein komplexeres Bild ihrer ersten Heldin.

Doch Sophie bleibt nicht lange allein. Ihr stellt Mirren Aishwarya gegenüber, ein 14-jähriges Mädchen aus dem indischen Rana Plaza. Der Kontrast zwischen den Lebenswelten dieser beiden Mädchen ist brutal. Eine Schule hat Aishwarya nie besucht. Stattdessen schuftet sie schon seit ihrem 12. Lebensjahr in einer Textilfabrik. Sieben Tage in der Woche näht sie Kleidung für den unersättlichen westlichen Markt. Geld bekommt sie dafür keines. Sie hat sich nach dem Sumangali-Schema für fünf Jahre verpflichtet und wird erst nach dem Ende dieser Zeit vergütet. Oder auch nicht. In ihrem kurzen Leben hat Aishwarya schon mehrfach erlebt, wie die Arbeiterinnen um ihren Lohn gebracht wurden. Der Leser trifft das Mädchen zum ersten Mal, als sie auf der Fabrik-Toilette von einem Aufseher misshandelt wird. Dort sollte sie sich vor den Kontrolleuren verstecken, die die Fabriken regelmäßig nach Fällen von Kinderarbeit durchsuchen. Ihre Schreie bleiben unter der Hand ihres Peinigers ungehört.

Der Sprung aus der glamourösen Welt von Sophie, die sich gerade mit ihren Freundinnen zum Shoppen aufmacht, ist wie ein Schlag ins Gesicht – und genau getimet. Wie eigentlich alles in „Paying the Price“. Von nun an erhaschen wir nur noch Schlaglichter auf die Welt von Aishwarya, sehen gerade so viel, dass wir uns das Grauen ausmalen können, das die Arbeiter dort täglich erleben, aber eben nicht so viel, dass sich ein klaren Bild zeichnen ließe. Das, so schreibt Julia Mirren in ihrem Nachwort, ist gewollt. „Ich möchte, dass der Leser anteilnimmt und selbst mehr in Erfahrung bringen möchte. Ich gebe Hinweise und sensibilisiere, aber dieses Buch kann nur etwas bewirken, wenn die Leser anschließend selbst recherchieren und aktiv werden.“ Mit „aktiv werden“, meint Julia Mirren zum Beispiel, dass sie Billigketten und Textil-Discounter meiden und mit einem bewussten Konsumverhalten der Forderung nach Gerechtigkeit Nachdruck verleihen. „Dass nicht mehr viel Geld für faire Arbeitsbedingungen und Entlohnung übrig bleibt, wenn ein T-Shirt 3 Euro kostet, sollte jedem Menschen klar sein, der nicht nur an sich selbst denkt. Dagegen kann ich protestieren, indem ich dort einfach nicht mehr einkaufe“, schreibt sie.

Klar wird das auch Sophie, als sie in ihrem Sommerkleid einen eingenähten Hilferuf von Aishwarya findet. „Help“ steht in unbeholfenen lateinischen Buchstaben auf der Rückseite des Etiketts und dann wenige indische Worte, die Sophie in Schock versetzen und dazu führen, dass sie schließlich selbst mit einem Mitschüler nach Indien aufbricht, um nach Aishwarya und ihren Leidensgenossinnen zu suchen. Zugegeben: Ein bisschen kitschig ist der Moment schon, in dem sie erkennt, dass jemand anderes einen hohen Preis dafür zahlt, dass wir in Europa für 4 Euro eine Hose kaufen können. Doch manche Dinge müssen eben dennoch gesagt werden.

 

Hinweis: “Paying the Price” ist ein Buch, das es nicht gibt. Lesen Sie mehr zum Thema: Vorwürfe gegen Textil-Discounter Primark, Kinderarbeit bei Primark, Shitstorm gegen Primark

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