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– Innovative Kurzgeschichten erzählt im komplexen Verlauf von Facebook-Chroniken

Es gab schon mehrere Versuche, einen Facebook-Roman zu schreiben, doch keiner von ihnen führte bislang wirklich konsequent zu Ende, was dieser Ansatz impliziert. „Was machst du gerade?“ von Tina Süßmuth befreit sich endlich gänzlich von den Grenzen des konventionellen Romans und sprengt letztendlich jeden Rahmen seines Mediums. Während „Statusmeldung“ von Fabian Burstein seine Figur ausschließlich in die virtuelle Welt verlegt und mit einem realen Facebook-Profil für seinen Protagonisten die Grenzen zwischen Roman und Wirklichkeit verwischt, und „Zwirbler“, der angeblich erste offizielle „Facebook-Roman“, die Romanhandlung in Statusmeldungen in der eigenen Chronik vorantreibt, erzählt „Was machst du gerade?“ ganze Geschichten nur über Interaktionen im Verlauf einer einzigen Facebook-Chronik. Jedes fiktive Facebook-Profil eine eigene neue Geschichte von überraschender Komplexität – eine Revolution des Genres der Kurzgeschichte!

Cover Was machst du gerade

Es ist ein bisschen so wie an diesen Abenden, die sicher jeder kennt. Man checkt nur mal eben Facebook, da fällt einem ein Profil ins Auge. Man klickt drauf und scrollt sich durch die Chronik. Mit jedem neuen Post und mit jeder neuen Verlinkung erhält man ein bisschen mehr Einblick in ein fremdes Leben, erfährt, was die andere Person bereit ist, preiszugeben und liest von den Hoch- und Tiefpunkten ihres Lebens, von den glücklichen Momenten, Meilensteinen und ausgelassenen Augenblicken, die nirgendwo so schön aussehen wie in einem sommerlichen Selfie mit Freunden am See. Über eines dieser Bilder gelangt man dann vielleicht auf das Profil eines dieser anderen Freunde und die Tür in ein neues Leben öffnet sich. Der Voyeurismus 2.0 lässt grüßen, aber wer kann schon leugnen, dass es ihn auch ab und zu mal überkommt?

Vielleicht war es genau ein solcher Abend, der Tina Süßmuth zu ihrem Kurzgeschichten-Band „Was machst du gerade?“ inspiriert hat. Der Titel dürfte allen Facebook-Usern bekannt sein, ist es doch die Frage, die die Facebook-Statuszeile stellt, sobald man online kommt. „Erzähl mir von dir und deinem Tag“, suggeriert das soziale Netzwerk seinen Mitglieder und viele nutzen diese Frage nur zu gern als Anlass, zu erzählen. Insgesamt 20 virtuelle Chroniken und damit fiktive Leben erschafft Süßmuth in ihrem Büchlein. Genau die richtige Anzahl, um das Konzept auszureizen, aber nicht zu erschöpfen. Wir steigen mitten in das Leben eines fremden Menschen ein. „Arbeitsvertrag unterschrieben!“ „Sie hat ‚ja‘ gesagt!“ „Darf ich vorstellen? Das ist Johann Benjamin, geboren am 17.03.“ So oder anders lauten die Posts, die die Geschichten einläuten und das Setting vorgeben. Kommentare, Likes und Links schaffen dann einen eigenen Kosmos, an dessen Leseart wir als bewanderte Facebook-User längst gewöhnt sind. Das schafft ein ganz neues Gefühl von Realität, von Betroffensein. Die Schicksale, die Süßmuth vor uns ausbreitet, berühren uns stärker.

Die in ihnen verborgene Kritik an einem Leben, das sich immer mehr virtuell abspielt, trifft uns daher umso heftiger. Es scheint deshalb, als habe Süßmuth eines der wenigen quasi-literarischen Stilmittel gefunden, die in unserer Zeit Literatur noch zur Waffe machen können und in denen Gesellschaftskritik noch funktioniert. Zeitgemäß eben. Das ist die ganz große Leistung dieses ersten wahrhaften Facebook-Buches!

 

* “Was machst du gerade?” ist ein Buch, das es nicht gibt. Mehr dazu unter About.

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