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– Ein Märchen für Erwachsene, das Aufstieg und Fall der europäischen Idee nachzeichnet

„Es war einmal ein König, der hatte eine Idee: Er lud die Könige der Nachbarreiche zu sich ein und schlug ihnen vor, mit ihm ein Bündnis einzugehen. Jedes Königreich sollte eigene Vertreter in einen Rat entsenden dürfen, in dem gemeinsam über Probleme diskutiert und Pläne geschmiedet werden sollten“, so beginnt Karl Fritsche sein Märchen für Erwachsene, das den wunderschönen Namen „Der goldene Rat der Sterne“ trägt. „Die Idee war so einfach wie genial: Auf diese Weise wäre es den Königreichen möglich, Waren untereinander zu handeln, ohne Zölle erheben zu müssen. Darüber hinaus wäre das Bündnis nach außen hin stärker gegen Feinde, als jedes Reich für sich allein. Innerhalb des Bündnisses könnten die Königreiche einander unterstützen und so dafür sorgen, dass es allen gut ginge.“

Mit den Mitteln des klassischen Märchens lässt Fritsche noch einmal die Geschichte der Europäischen Union Revue passieren. Die Wahl des Genres ist dabei natürlich kein Zufall, denn das, was hinter der europäischen Idee steckt, war eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Märchenhaft, könnte man sagen. Das fand wohl auch Fritsche, der offenbar großen Genuss dabei empfand, seine Märchenlandschaft mit Symbolen und Metaphern vollzustopfen. Vieles davon offenbart sich nur Eingeweihten, die sich bestens in der Europapolitik auskennen, anderes jedoch erkennt jeder, der sich schon mal Gedanken über Europa und seine Zukunft gemacht hat. Überall lauern kleine Spitzen und hinter nicht wenigen Gesichtern seines Märchens entdecken wir plötzlich vertraute Zeitgenossen.

„Der goldene Rat der Sterne“ nimmt seinen Lauf, als die Könige in ihre Reiche zurückströmen und dort alles für das Bündnis vorbereiten. Wir beobachten, wie sich Eins in das Andere fügt und das Bündnis wächst und gedeiht. Auch hier lässt es Karl Fritsche nicht an Erfindungsreichtum und Fabulierfreude fehlen. Im Gegenteil: Er erschöpft sich in phantastischen Beschreibungen von Palästen aus purem Gold, edlen Waren und den besten Köstlichkeiten, die es plötzlich im Überfluss gibt. Doch dann der Wendepunkt: So einfach ist es nicht einmal im Märchen. Als eines der Reiche von einem alten Feind angegriffen wird und all seine Schätze verliert, gerät das gesamte Bündnis ins Straucheln. Es zeigt sich schnell: Das Gebilde ist zu groß und aufgeblasen, zu wackelig, zu instabil und viel zu anfällig für Störungen. Der goldene Rat der Sterne ist zu weit weg und zu fern von der Lebenswirklichkeit der Menschen.

Überall werden nun Stimmen laut, die fordern, die Reiche sollen das Bündnis so schnell wie möglich verlassen. Wie Ratten auf einem sinkenden Schiff versuchen die Adligen die Flucht zu ergreifen. „Sie ziehen uns alle mit den Abgrund“, rufen die einen Fürsten und horten ihre Schätze in sicheren Kammern unter der Erde. „Sie verschwenden unsere Reichtümer“, rufen die anderen Fürsten und lassen ihre Schatzkammern fortan von Drachen bewachen. „Es gibt zu viele zugereiste Fremde und nicht genug Boden, den sie bewirtschaften können“, rufen die Bauern. „Sie wissen gar nicht, wie wir hier leben und können deshalb auch keine Entscheidung für uns treffen“, rufen die Kaufleute und Handwerker in panischer Angst. Wiederum genießt es Karl Fritsche, den Untergang des Bündnisses nachzuzeichnen, zu schildern, wie verraten, belogen und verkauft sich die Menschen fühlten, und zu zeigen, wie die Menschen ihrer Wut offen Luft machten oder – und das geschieht immer häufiger – den Rat und seine Mitglieder mit Desinteresse und Missachtung strafen. „Sie hofften, wenn niemand mehr im Rat säße, würde sich das Bündnis sicher von selbst auflösen.“ Und es wird noch schlimmer: „Die Menschen in anderen Königreichen sandten mit Absicht die schlimmsten Gegner des Bündnisses in den Rat, damit sie ihn von innen zerstören könnten. Und tatsächlich bestand der Rat bald nur noch aus denen, die ihn abgeschafft sehen wollten.“

Sie reichen einander schlussendlich die Hände und reiten in verschiedene Richtungen davon. Und oben auf dem Turm seines Schlosses steht der alte König und trauert seiner Idee nach. „An sein Ohr klangen die verschiedensten Geräusche herauf: Das Klappern von Schlössern, die von den Gittertoren der Schatzkammern genommen wurden, das Schnauben von Drachen, die ihrer Fußketten entledigt worden und die nun wieder frei in die Lüfte aufsteigen konnten, und die Rufe der Herolde, die sofort munter erlassene Gesetze in alle Länder trugen. Der alte König seufzte und ließ sich müde auf seinen Thron sinken. Und wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt er da noch heute.“ Karl Fritsches Märchen für Erwachsene, „Der goldene Rat der Sterne“, erzählt vom Scheitern einer schönen Idee, die sich in der Praxis einfach nicht verwirklichen ließ. Seine Prognose für die EU ist eindeutig, doch Fritsche lässt auch durchklingen, dass er das bedauert.

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