Tags

, , , , , , ,

–  Eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz und eine berührende Liebeserklärung

„Ich spüre, dass sie mir etwas verheimlichen. Wie bei einem Kind, dem man nicht zutraut, dass es eine schreckliche Nachricht verkraftet. Und sie wird schrecklich sein. Da bin ich mir sicher. Deshalb traue ich mich nicht zu fragen.“ Sophia leidet unter Demenz. Sie weiß es nicht, aber sie spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie merkt es an der Art, wie alle um sie herumschleichen, wie sie sie reden lassen und manchmal gar nicht ernst nehmen. Wie sie mit gewichtiger Miene nicken, wenn sie im Spaß ein bisschen Blödsinn erzählt, wie sie versuchen, in allem, was sie sagt, einen Sinn zu erkennen. Doch zwischen sie und ihre Familie hat sich eine Milchglasscheibe geschoben. Man kann ein bisschen hindurch sehen, doch klare Konturen sind unmöglich zu erkennen. Immer weiter scheint sie von denen fortzutreiben, die sie liebt. Auch von ihrem Enkel Markus, der nicht ertragen kann, dass seine geliebte Oma nach und nach zu entschwinden scheint. Er will sie noch immer ernst nehmen und ihr eine Stimme geben. Doch dabei wird unwillkürlich Sophias Stimme immer leiser – und seine immer lauter.

„Atemhauch“ hat Markus Träger das Buch genannt, das seiner Oma gewidmet ist. Ein Wort, das genau beschreibt, wie Sophia langsam aber stetig aus ihrem Körper verschwindet, sich auflöst, verblasst. Mit jedem Ausatmen ist ein bisschen mehr von ihr gegangen. Und umso stärker nimmt Träger ihren Platz in den Schilderungen ein. Füllt die Lücken, die in Sophias Erzählungen entstehen, fügt die Teile zusammen, die sonst keinen Sinn mehr ergeben. Ist Sophias Stimme am Anfang des Buches klar und deutlich – nur von gelegentlichen Unschärfen unterbrochen – so wird sie immer leiser, wie eine Melodie, die langsam ausfadet. Und immer da, wo Sophia hilfesuchend die Hand ausstreckt, wo sich eine kleine Unsicherheit in ihre Augen stielt, wo sie für einen Moment aus dem Konzept gerät und strauchelt, da greift Markus Träger ihre Hand und rückt die Welt wieder an ihren Platz. Es ist eine vergebliche Arbeit, ein Kampf, den die Angehörigen von Demenzkranken natürlich verlieren müssen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Markus weiß es, doch er versteht es als Liebesbeweis. Sophia soll nicht einfach so verblassen und sich aus dem Leben stehlen. Sie soll ihre Geschichte mit seiner Hilfe bis zum Ende erzählen können.

Markus Träger enthüllt in „Atemhauch“ eine Verletzlichkeit, die manchmal ein kleines bisschen zu viel ist, um sie zu verkraften. Er will nicht kitschig werden und nicht trivial. Er verzichtet auf jede Melodramatik, doch gerade diese Nacktheit seines Textes, die gewollte Einfachheit, konfrontiert uns mit einem Gefühl, das wir sonst gerne in viele schwülstige Worte kleiden, um seine Wirkung auf uns zu mindern. „Atemhauch“ ist ein Buch, das aus Liebe und Respekt geschrieben wurde, und vielen Angehörigen von Demenzpatienten aus der Seele sprechen wird.

Advertisements