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Phantasievolle Kurzgeschichten, die die Nebenfiguren großer Romane zu Helden machen

Sie begegnen uns in jedem Buch, führen ein unbeachtetes Schattendasein, streifen uns nur im Vorübergehen und verschwinden dann in die Unendlichkeit der Autorenphantasie: die Nebenfiguren. Doch einer hat sie jetzt ins große Licht gerückt: Stephan Anders hat ihnen in „Und dann war da noch“ einen Moment auf der großen Bühne geschenkt. „Jeder dieser Figuren hat ihre eigene spannende Geschichte zu erzählen und ich habe mich einen Moment lang zu jeder von ihnen gesellt, um sie mir anzuhören,“ schreibt Anders in dem liebevoll verfassten Vorwort, in dem er auch zugibt: „Ich habe mich selbst lange wie eine Nebenfigur im Leben anderer Menschen gefühlt. Irgendwie tauchte ich immer nur am Rand auf, wenn etwas Großes geschah. Da lag die Frage nah, wie es den Figuren gehen musste, deren Namen nie das Cover eines Bestsellers zierten.“

Nach diesem Vorwort kann man kaum noch anders: Man möchte zu gerne wissen, was aus den anderen Schülern in der Klasse von Zusaks „Bücherdiebin“ geworden ist, als die Bomben fielen, was das Mädchen in Distrikt 12 gespürt hat, als nicht sie, sondern Prim bei der Ernte für die „Hungerspiele“ in Panem ausgewählt wurde, was der Junge am anderen Ende des Gryffindor-Tisches spürte, der zu gerne Sucher im Quidditch-Team geworden wäre, der aber von Harry Potter ausgebootet wurde. Man möchte erfahren, wie die Besitzerin des Bed and Breakfasts in „Feuer und Stein“ reagierte, als Claire auf Nimmerwiedersehen durch den Steinkreis verschwunden war und ihr Mann alleine das Zimmer räumte, und welche Geschichte sie selbst mit dem magischen Steinkreis verbindet. Man möchte wissen, was das Mädchen in „Die Säulen der Erde“ empfand, wann immer sie ihren Angebeteten Jack von Aliena träumen sah.

Stephan Anders hat ihnen Kurzgeschichten gewidmet, Schlaglichter auf ihre Leben, die nicht weniger spannend sind als die der Hauptfiguren – wenigstens wenn man ganz genau hinschaut. Anders beweist dabei ein Gefühl für die Dramatik im Kleinen. Seine Helden mögen nicht den Lauf der Dinge verändert haben, wurden auch keine Helden, die die Menschheit in Sicherheit führten, aber in ihren Leben sind sie deshalb nicht minder bedeutsam. Manchmal braucht man deshalb einen kleinen Moment, bevor man überhaupt versteht, um welches Buch es sich eigentlich handelt, doch das verschafft einem in jeder Geschichte einen herrlichen „Aha“-Moment. All das macht „Und dann war da noch“ zu einem kleinen Geschenk für alle, die glauben, dass sie niemals zu den Hauptfiguren zählen werden. Stephan Anders sagt ihnen: „Du bist nicht weniger wert, weil du keine Katniss Everdeen oder kein Harry Potter bist. Du hast deine eigene Geschichte zu erzählen.“ Und mit dem was seiner Phantasie entspringt, unterhält er in „Und dann war da noch“ ganz fabelhaft.

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