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Aufrüttelndes Sachbuch anlässlich des 100. Jahrestags des Dritten Weltkriegs

„Wer hätte anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs, 2014, gedacht, dass der Dritte Weltkrieg so nah bevorstand?“ Mit diesen Worten beginnt Clark Christophe sein Buch „Sehenden Auges in den Krieg“, das nun, wiederum 100 Jahre nach dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs, erschienen ist. Es ist eigentlich eine rhetorische Frage, denn die Anzeichen dafür waren lange da, wie Christophe auf den folgenden 738 Seiten kenntnisreich und sehr detailliert darlegen wird. So zitiert Christophe zum Beispiel Joschka Fischer, der im Februar 2014 schon darauf hinwies, dass sich die Welt 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder an einem ähnlichen Punkt befand wie 1914. Besorgt sah Fischer nach Ostasien und sah dort „alle Ingredienzien der damaligen Katastrophe“. Die Region sei hochgerüstet gewesen, das heißt, sie verfügte über Atomwaffen und in China habe es eine aufstrebende Weltmacht gegeben. „Großmächterivalitäten, offene Territorial- und Grenzfragen, […] offene historische Rechnungen, Prestigedenken und kaum kooperative oder gar integrative Konfliktlösungsmechanismen, […] Machtdenken pur und überall Misstrauen.“

Doch wenn das alles so offensichtlich war, wie Clark Christophe in „Sehenden Auges in den Krieg“ schreibt und belegt, wie kam es dann, dass der Konflikt, der am 20. Februar 2014 mit 80 Toten auf dem Maidan in Kiew seinen Ausgang nahm, zu einer globalen Krise von solchen Ausmaßen heranwachsen konnte? Wie kam es, dass niemand alarmiert war, als sich Russland und China vor aller Augen verbündeten. Man sei sich in „weiten Teilen einig“ gewesen, hieß es damals von den beiden Großmächten. Wie kam es dann, dass der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier („25 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation ist die Gefahr einer erneuten Spaltung Europas real.”) die Gefahr zwar erkannte, aber dennoch mitzog, als die NATO bekannt gab, die zivile und militärische Zusammenarbeit mit Russland auf Eis zu legen und damit die Fronten weiter verschärfte? All das untersucht Clark Christophe akribisch und nutzt dafür auch zahllose Zeitungsartikel, Blog-Posts, Twitter- und Facebook-Kommentare als Quellen, die zeigen, wie deutlich die Zuspitzung bereits im April 2014 zu spüren war. Innerhalb weniger Wochen hatte sich etwas herausgeschält, das schon Jahre und Jahrzehnte unter der Oberfläche schwelte und als freundliches Verhältnis zwischen Russland und dem Westen getarnt worden war.

24 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges brach die Fassade dann auf und offenbarte, dass sich seitdem gar nichts verändert hatte und dass sich Russland und der Westen nach wie vor an der östlichen Grenze der NATO-Zone mit gezückten Schwertern gegenüberstanden. Die Geschwindigkeit, mit der die Situation in der Ukraine eskalierte und auf einen Weltkrieg zusteuerte, erzeugte innerhalb kürzester Zeit eine Atmosphäre der Angst, die sich in den Quellen nur zu deutlich widerspiegelt, die Clark Christophe hinzuzieht. Besonders spannend lesen sich daneben die nüchternen Analysen der Absichten aller Beteiligten. In wenigen Sätzen handelt Christophe ab, wie Putin vorgab, um das Wohl der Russen auf der Krim besorgt zu sein und die „heilige russische Erde“ in die Heimat zurückholen zu wollen. Auch die Sicherung des Militärstützpunktes in Sewastopol am Schwarzen Meer ist eher eine Randbemerkung. Vielmehr geht es Christophe darum, die Seele des „Sowjetmenschen“ Wladimir Putin (Swetlana Alexijewitsch) und seine späte Rache am Westen zu offenbaren. Doch Christophe gibt sich nicht mit dem Offensichtlichen und Vielgeschriebenen zufrieden und hinterfragt auch die Motive der NATO. Er zeigt, wie die NATO ohne mit der Wimper zu zucken gegen die Zusagen verstieß, die sie 1990 während der Verhandlungen zur deutschen Einheit gegeben hatte. Damals hatte sie erklärt, auf eine Osterweiterung des Bündnisses jenseits der Grenzen des Warschauer Paktes zu verzichten. Als wäre nichts dabei, sprach sich der scheidende Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen noch im März 2014 für die Erweiterung der Militärallianz gen Osten aus, klagte aber gleichzeitig Russland wegen eines Verstoßes gegen das Völkerrecht an.

Deutlicher kann man es kaum zeigen: Die Krim-Krise hatte gar nicht anders ausgehen können und führte notwendigerweise in den Dritten Weltkrieg. Nun kann man nur hoffen, dass uns die Erinnerung an die vielen, vielen Toten, die der Krieg mit sich brachte, als Mahnung für die Zukunft dienen wird. Damit sich all das nie wiederholt!

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