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Erzählband mit Schnappschüssen unverfälschter Gefühlsgewalt

Anna Vogt erzählt in „Fehlalarm: 10 Schnappschüsse“ von Momenten, die man niemandem wünscht. Momente, die so schrecklich sind, dass wir sie uns eigentlich gar nicht ausmalen wollen. Aber es sind auch Momente, in denen sich das zutiefst Menschliche zeigt: Momente, in denen Menschen glauben, ihre Liebsten verloren zu haben. Die Angst ist das zentrale Element in dem kleinen Erzählband von Anna Vogt. Wahrlich keine leichte Lektüre. Eigentlich ein Buch, bei dem man sich fragt, warum man es überhaupt lesen sollte. Doch dieser Moment zwischen Hoffnung und freiem Fall löst im Leser ein ähnliches Gefühl aus wie der Sprung über eine Klippe. Noch ist nichts bestätigt, doch Angst und Grauen haben schon längst ihre Krallen ausgefahren. In ihrer minutiösen Studie aus zehn Schnappschüssen schält Anna Vogt das Gefühl der Angst mit forensischer Genauigkeit wie eiskaltes Glas aus ihren Erzählungen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Luisa, die vom Brand ihres Wohnhauses erfährt, in dem ihr Freund nach seiner Nachtschicht schlief. Man habe niemanden mehr retten können, bevor das Dach einstürzte, sagten ihr die betroffenen Feuerwehrmänner, als sie vor Ort eintraf. Luisa verliert augenblicklich den Boden unter den Füßen. Doch dann trifft ihr Freund Matt am Ort des Brandes ein. Er hatte Überstunden machen müssen und es noch gar nicht nach Hause geschafft, bevor das Feuer ausbrach. Und da ist die Geschichte von Jenna, deren Zwillingsschwester zwei Tage und drei Nächte verschwunden war, bevor sie sicher und wohlbehalten wieder auftauchte. Sie war zu ihrem viel älteren Freund ausgebüchst und hatte sich dort versteckt gehalten, um Zeit mit ihm verbringen zu können. Da ist die Geschichte von Isobel, die eine Eilmeldung auf ihrem Smartphone erhält, in der es heißt, ein Passagierflugzeug sei vor Gran Canaria abgestürzt – gerade in dem Moment, in dem ihre Eltern im Flieger auf die Urlaubsinsel saßen. Zehn Minuten später die zweite Meldung: Fehlalarm!

Besonders berührt die Geschichte von Tobias, der im Wartezimmer des Krankenhauses erfährt, dass es seiner Frau im Kreissaal sehr schlecht ginge. Man kämpfe um ihr Leben, sagte die junge Assistenzärztin, aber man könne ihm nicht viel Hoffnung machen. „Seien Sie auf das Schlimmste gefasst“, sagte die Ärztin „mit einer Anteilnahme, aus der auch Müdigkeit klang.“ So schreibt es Anna Vogt und vor unseren Augen zerbricht Tobias in eine Millionen Scherben. Kurz darauf die Entwarnung: Seiner Frau gehe es gut. Sie und das Kind seien wohlauf. Er könne direkt hinein. Man habe sich geirrt. Kurz vor Schluss des kleinen Erzählbandes begegnen wir noch Simon, dessen Kinder und Enkel zu einer Bergtour aufgebrochen waren und oben auf dem Kamm von einem Sturm überrascht wurden. Die Bergretter machten ihm wenig Hoffnung, fanden die fünf aber nach dem Sturm unverletzt unter einem Felsvorsprung, unter dem sie Zuflucht gefunden hatten.

All das erzählt Anna Vogt in „Fehlalarm: 10 Schnappschüsse“ in allerschönster Prosa, in einer Sprache, die mit scharfer Klinge unverfälschte Gefühle freilegt. Vor allem in der letzten Geschichte, die uns noch einmal ins Wartezimmer zurückführt, wo Tobias gerade die erlösende Meldung erhalten hat. Und während wir uns gerade in Sicherheit wiegen, schlägt Anna Vogt wie das Schicksal zu.

Basiert auf: Verwirrung um angeblichen Absturz: Spanier verwechseln Schiff mit Flugzeug

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