Poetischer Erzählband, in dem 150 Meter das Leben verändern können

150 Meter ist sie lang, die Oberbaumbrücke, die die Berliner Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg miteinander verbindet. Sie stand Pate für den Titel eines kleinen Büchleins, in dem 150 Meter Leben verändern können. Tagtäglich laufen Tausende von Menschen über diese Brücke und passieren dabei ebenso viele Menschen, ohne ihnen auch nur einen zweiten Blick zu schenken. Doch was, wenn man den Blick heben und dem Menschen in die Augen sehen würde, der einem da entgegenkommt? Dieses Gedankenexperiment hat Jennifer Mörike gewagt und in die Rahmenhandlung ihres Büchleins „150 Meter“ – ein Gang über die Oberbaumbrücke von Friedrichshain nach Kreuzberg – eine poetische Kette kleiner Begegnungen eingebunden. Jeder Blick eine mögliche Zukunft, jede Begegnung der Beginn einer gemeinsamen Reise.

Für Mörike steckt in jeder Begegnung die Möglichkeit, einen neuen Freund zu finden, eine beste Freundin, die große Liebe. Sie fragt sich verspielt und wortverliebt, was geschehen würde, wenn sie diesen oder jenen Menschen ansprechen würde. Den Jungen mit den großen Kopfhörern, der in seiner eigenen Welt zu leben scheint. Das Mädchen mit dem großen Stapel Bücher unter dem Arm. Den Mann mit dem eingefallenen Gesicht oder die Frau, die sie irgendwie an ihre Mutter erinnert, zu der sie kaum noch Kontakt hat. Jedes Mal, wenn Jennifer Mörike in „150 Meter“ den Blick hebt, öffnet sie die Tür in eine neue Zukunft, in eine Lebenslinie, die sein könnte – oder eben nicht. Und jedes Mal, wenn sie den Blick wieder senkt, schließt sich die Tür. Schließt sie keine neue Freundschaft, verliebt sich eben nicht in den Mann, der ihr so viel Herzschmerz bereiten würde, ohne den sie aber bald nicht mehr leben könnte, findet nicht die mütterliche Freundin, die ihr so lange gefehlt hat.

Einiges mag an Jennifer Mörikes kleinem Buch kitschig erscheinen, manches vorhersehbar. Doch das Bändchen mit seinen knapp 120 Seiten ist ein frischer, poetischer Blick auf die Stadt, die Mörike so liebt, auf die Möglichkeiten, die ihr innewohnen, die wir jeden Tag passieren, ohne sie zu erkennen oder gar wahrzunehmen. Auf ihre sympathische und unaufdringliche Weise steckt sie uns an mit ihrem kindlich-neugierigen Drang zu fragen: „Was wäre wenn?“ Das taucht den Weg zur Arbeit wenigstens für die nächsten Tage in ein ganz neues, goldenes Licht.

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