Mittendrin

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 – Beängstigend realistischer Thriller über das DAVOR aller postapokalyptischen Romane

„Mittendrin“ ist das Buch für alle, die sich schon immer gefragt haben, was eigentlich passiert ist, BEVOR ein Buch in einer zerstörten, fragmentarischen, postapokalyptischen Welt ansetzt. Ein Buch für alle, die das unbestimmte Gefühl haben, sich genau in diesem unheimliche DAVOR zu befinden. Beate Schirrmachers Roman macht aus dem abstrakten Begriff „Weltuntergang“ etwas Greifbares – und zwingt den Leser, Vergleiche zu ziehen, die ihn das Fürchten lehren werden. Am Anfang steht Sophia Mack mit ihren ganz alltäglichen Sorgen und Problemen. Eine Frau Mitte 30, deren Leben sich so laut um sich selbst dreht, dass das, was um sie herum passiert, nicht mehr als ein Hintergrundrauschen ist. Die Nachrichten dringen maximal an den Rand ihrer Wahrnehmung vor. Erst in der Wiederholung einzelner Begriffe entsteht Aufmerksamkeit.

Dafür bedient sich Beate Schirrmacher eines Kunstgriffs: Sie lässt die Nachrichten ihre Geschichten als steten Strom begleiten. Permanente Information. Wie aus dem Leben gegriffen. Doch in der Wiederholung wird deutlich, wo sich etwas zusammenbraut. Und immer lauter wird das Rauschen. Zunächst sind es nur einzelne Baustellen, die sich vor Sophia und dem Leser auftun: Finanzkrise hier, Flüchtlingsdrama da, Massenproteste hier, Ausbruch einer Seuche da. Schritt für Schritt erreichen diese Begriffe Sophia und werden zu steten Begleitern, die sich einen Weg in ihre Gedanken bahnen. Obwohl es in ihrer ich-bezogenen Welt dafür eigentlich keinen Platz gibt, erkämpfen sich die Themen immer mehr Aufmerksamkeit, ungewollt grübelt sie darüber nach, beginnt, sich Sorgen zu machen. Als würde eine Schlinge enger gezogen werden, wachsen sich die vielen einzelnen Feuer rings um Sophia zu einem globalen Flächenbrand aus. Plötzlich hängt alles zusammen, zeigen sich Strukturen und Muster, Masken werden abgelegt, wahre Gesichter gezeigt, aus Diplomatie wird Demagogie.

Militärputsch und Annektierungen, Flugzeugabstürze und Entführungen, Seuchen und Wirtschaftssanktionen, Waffenlieferungen und UN-Mandate, Anschläge und Verträge, Drohungen und Propaganda. Einzelne instabile Länder reißen ganze Unionen und Kontinente in den Abgrund, bringen Währungen zu Fall, kosten Arbeitsplätze, sorgen für Unzufriedenheit, für die es einen Schuldigen geben muss. Doch nichts ist leichter für die, die es darauf anlegen, als einen Schuldigen zu präsentieren. Da werden Feindbilder aus dem Hut gezaubert, denen man nun alles in die Schuhe schieben kann – von fehlenden Arbeitsplätzen bis hin zum Terrorismus. Dem generellen Unmut Luft machen – und dabei weit über das Ziel hinaus schießen. Er ist schnell zur Hand, dieser alte neue Feind, und mit den richtigen Mitteln, lässt sich gut gegen ihn hetzen. Ereignisse, die einen Tag zuvor noch kaum Bedeutung hatten, lassen sich nun instrumentalisieren. Jeder Grund für einen Krieg – gegen wen oder was auch immer – ist gut genug, denn Krieg ist das Ziel. Krieg bedeutet Geld und Macht, einen Umsturz der Verhältnisse, einen Neustart, eine Umverteilung. Auf Kosten anderer, ja, aber das ist egal.

Das alles muss Sophia im Laufe dieses düsteren Romanes erkennen. Und als sie es schließlich klar vor Augen sieht, da ist es längst zu spät. Schneller, immer schneller dreht sich der Strudel, ein Strudel dessen einziger Weg hinab in den Abgrund führt. Der Kampf um die eigene Haut, um das nackte Leben wird zu allem, was zählt. Er bringt alles andere beinahe zum Verstummen. In beeindruckender Konsequenz bleibt Beate Schirrmacher aber dennoch ihrem gewählten Stilmittel treu: Das Hintergrundrauschen ist noch da. Aber es wird durch Salven von harten, ungeschminkten, offen feindlichen Worten durchbrochen, die alle nur eins verheißen: den Untergang. Und weil Schirrmacher uns in „Mittendrin“ mitten in dieses Szenario hinein geworfen hat, lässt sie uns mit ihm auch ganz bis zum Ende gehen. Eine Rettung gewährt sie nicht.

Auch das ist Teil der außerordentlichen Konsequenz dieses Romans, der in seiner Unausweichlichkeit zu jenen Büchern gehört, die man am Ende aufatmend ins Bücherregal stellt, um den Fernseher ein kleines bisschen lauter zu stellen. Er soll das bedrohliche Hintergrundrauschen zum Schweigen bringen, das ein kleines bisschen lauter geworden zu sein scheint, seit man „Mittendrin“ in die Hände genommen hat.

Der Garten der brachliegenden Blogs

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– Bezauberndes Kinderbuch, das Phantasiewelten aus abgebrochenen Blogs erschafft

Susanne Erhard und Lydia Blümchen sind in der Kinderbuchwelt schon längst keine Unbekannten mehr. Mit ihren Illustrationen schafft Blümchen, deren Künstlername Programm ist, die schönsten Bilderwelten, in denen sich große und kleine Leser vollkommen verlieren können, und der Phantasie von Susanne Erhard scheinen beim Erzählen und Erdenken keinerlei Grenzen gesetzt zu sein. So auch in diesem Fall. Wie wäre es, haben sich die beiden Autorinnen wohl gefragt, wenn all die brachliegenden Blogs, die in den Sackgassen des Internets schlummern, tatsächliche Gebäude wären? „Leer stehende Fabrikgebäude, heruntergekommene Kinosäle, leer gefegte Bibliotheken und staubtrockene Schwimmbäder der Phantasie“? Fasziniert von dieser Idee schufen sie ihr liebevoll gestaltetes Kinderbuch „Der Garten der brachliegenden Blogs“, eine bezaubernde Traumwelt voller Abenteuer, in die sich die kleine Luise und ihr Bruder Peter eines Tages verirren.

Auf den großformatigen, detailverliebt gestalteten Bildern sehen wir sie durch die Ideen fremder Leute stolpern. In kunterbunte Geschichten purzeln, die nicht zu Ende erzählt werden und aus denen man beim letzten Wort haltlos in das graue Nichts fällt, in Fotoblogs, die plötzlich abreißen und die Kinder fragend zurück lassen, in Rezepte-Sammlungen, in denen sich die beiden zunächst einen dicken Bauch anfuttern, um dann abrupt vor einem ungedeckten Tisch zu stehen und in Reisetagebücher, die zum Ende hin langsam ausplätschern und schließlich versiegen, ohne dass die Kinder ihre Abenteuer bis zum Schluss verfolgen können. Susanne Erhard und Lydia Blümchen nehmen ihre kleinen Leser mit in eine magische Welt, in der „URL“ kurz für URLAUB ist und in der „http“ auf einen stotternden Frosch in der Telefonzentrale zurück geht. Sie schäumen fast über vor verrückten Ideen und machen Lust auf eine Art fröhliches Blog-Recycling. Und sei es einfach nur, um Luise und Peter immer neue Türen zu öffnen und mit ihnen durch die bizarre Welt der Blogs zu spazieren. Denn viele Blogs verdienen es einfach, weitergeführt zu werden. So vielleicht auch dieser.

Rezension: “Handbuch: Wie man einen Krieg beginnt”

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– einfacher Leitfaden für den hausgemachten Krieg

Hermann Mühe sorgt seit Jahren mit seiner Satire für Furore und gerade jetzt, so sagte er im Interview mit „Unsere Welt in Büchern, die es nicht gibt“, könne er die Finger nicht still halten. „Wenn ich die Nachrichten einschalte, bekomme ich Kopfschmerzen, weil ich das Gefühl habe, man serviere mir die Themen auf dem Silbertablett.“ Anlass für das Interview war sein „Handbuch: Wie beginne ich einen Krieg“, das er innerhalb weniger Wochen im Selbstverlag veröffentlichte. „Die Idee dazu spukte mir schon lange durch den Kopf“, so Mühe, „doch noch nie hatte ich das Gefühl, dass das Buch so dringend gebraucht würde, wie heute.“ Sein Handbuch führt in „sieben einfachen Schritten“, bei „denen man nicht viel falsch machen“ könne, wie Hermann Mühe in der Einleitung erklärt, zum Ziel. Dementsprechend ist sein Buch in sieben Kapitel eingeteilt, die der Leser mit einem wachsenden Gefühl von Unbehagen verschlingt. Nicht ohne dabei immer wieder emsig mit dem Kopf zu nicken.

„Man finde zunächst einen Schuldigen, auf den man sich vollkommen einschießen kann. Komme was wolle, an diesem Schuldigen wird festgehalten. Dafür greife man am einfachsten auf historische Feindbilder zurück“, heißt es in Kapitel 1 „Das Feindbild“. Mühe legt dem Leser hier ein ordentliches Feindbild ans Herz, das sich gut in den Medien verwerten lässt. „Je deutlicher das Feindbild, desto stärker die Emotionen. Einzelne Personen, die sich ohnehin keiner Beliebtheit erfreuen, eignen sich dafür besonders gut.“ In Kapitel 2, „Die Schuld“, geht es munter weiter: „Man schiebe ihm für alles die Schuld zu. Was auch immer geschieht: Er war es! Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt weit weg war.“ Soweit, so gut, findet Hermann Mühe am Ende des Kapitels und leitet dann gekonnt über zum Kapitel 3 „Die Faust“: „Man sorge dafür, dass der Feind keine Gelegenheit hat, sich zu rehabilitieren. Statt der ausgestreckten Hand, strecke man ihm die geballte Faust entgegen.“

Bis dahin sei es noch recht einfach, so Mühe im Interview. „Doch jetzt kommt der schwere Teil: die Mobilisierung der Massen.“ Doch auch dafür kennt Hermann Mühe natürlich einen Trick. „Man sorge dafür, dass die breite Bevölkerung nur eine Sicht der Wahrheit zu sehen und zu hören bekommt. Dafür lade man alle Chefredakteure und Programmchefs zu Konferenzen ein und bringe sie auf Kurs.“ In einer Fußnote verweist er auf die Bilderberg-Konferenzen als anschauliches Beispiel zur Medienmanipulation. „Jetzt steigen wir in die Königsdisziplin auf“, kündigt Mühe dann das fünfte Kapitel „Die Zustimmung“ ein. „Man sorge für eine breite Zustimmung in der Bevölkerung, indem man Fragen stelle, die die nur halb informierte Bevölkerung voller Inbrunst mit „Ja!“ beantworten kann.“ Von nun an sei es ganz einfach, erfahren wir im vorletzten Kapitel. Man leite mit Hilfe der Medien aus dieser Zustimmung eine Legitimierung für Sanktionen ab, um jegliche Form der Versöhnung unmöglich zu machen und warte dann – so heißt es im siebten Kapitel – auf den Erstschlag des in die Ecke gedrängten Feindes und hole sich so die Legitimierung für einen Gegenschlag, der letztendlich in den ersehnten Krieg münde.

Ist das Buch praxistauglich?, wollten wir zum Schluss von Hermann Mühe wissen. „Na aber sicher doch (lacht), es ist ein Kinderspiel!“

Lesenswert zum Thema:  1. Der Spiegel schreibt, die Deutschen würden härtere Sanktionen gegen Russland befürworten. 2. Der Spiegel untermauert diese Behauptung mit einer selbst in Auftrag gegebenen Umfrage. 3. Der Spiegel rechtfertigt sich für sein kriegstreiberisches Titelblatt. 4. Stefan Niggemeier, der einst den Spiegelblog gründete und den Spiegel 2013 verließ, analysiert die Rechtfertigung des Magazins. 

5. Der Focus veröffentlicht unterdessen unbekümmert belanglose private Details aus Putins Leben.

Weitere interessante Bücher, die es nicht gibt, zum Thema: „Medienmanipulation erkennen für Dummies“ und “Sehenden Auges in den Krieg”

#LESEN UND GELESEN WERDEN II

Alejandro Pescador hat mich für sein Blog “Lesen und gelesen werden” zu Büchern befragt, die es tatsächlich gibt. Die Antworten lest ihr hier 🙂

Alejandro Pescador

Weil Inspiration das Leben bunter macht und Belesenheit viel zu wertvoll ist, um nicht geteilt zu werden, wurde die vorliegende Interview-Serie ins Leben gerufen. Was haben alle Interviewten gemeinsam? Sie haben viel gelesen und insgeheim den Anspruch, endlich herauszufinden, was die gegenwärtige Welt im Innersten zusammenhält.

Uli hat einen ganz besonderen Bezug zur Literatur und vor allem zu Büchern, denn ihr überaus erfrischendes Blog folgt einem originären Ansatz: es handelt von “Unserer Welt in Büchern, die es nicht gibt”.

Im Interview verrät uns die Rezensionskünstlerin, dass sie von einer bestimmten Geschichte auch nach dem tausendsten Mal nicht genug bekommt, nennt so manches Sachbuch bezaubernd und offenbart einen Hang zur Verschrobenheit. Das und viel mehr – viel Freude beim Verzehr der Worte! 😉

Welches Buch war deine erste große Liebe?

Uli “Schlechte Bücher sind Zeit-verschwendung.”

„Ashan und der Adler des Lichts“, eine Indianergeschichte. Ich habe sie tausend Mal gelesen, das Buch…

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Rezension: “Während das Spiel lief”

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– Meditativer Spaziergang durch eine Welt, die vor dem Fernseher sitzt

Es stand gerade 5:0 in jenem denkwürdigen WM-Halbfinale Deutschland gegen Brasilien, als der Journalistin Katharina Johann eine Idee kam. Sie wollte wissen, was draußen vor der Tür passiert, während ganz Deutschland geschlossen vor dem Fernseher sitzt. „Es war ein bisschen wie die Frage, ob das Licht im Kühlschrank auch dann brennt, wenn die Tür geschlossen ist. Man weiß, dass es nicht so ist – und doch würde man es nur zu gern einmal sehen.“ In der festen Annahme, dass der Sieg der deutschen Elf recht sicher war, zog sie ihren Regenmantel über und trat vor die Tür. „Es war eine dunkle Welt unter dicken Wolken“, schreibt sie. „Eine dunkle Welt, die nur mir gehörte.“ Die Straßen in der Berliner Mitte – sonst immer geschäftig – waren wie ausgestorben. Ein Gefühl befiel sie, als wäre sie „wie Alice im Wunderland kopfüber in einen dystophischen Roman gefallen“, in dem es plötzlich keine Menschen mehr gibt. „Nur das blaue Flackern hinter den Fenstern erinnerte mich daran, dass es noch andere Menschen auf diesem Planeten gab.“

Die Halbzeitpause kam und ging – und mit ihr auch die Menschen auf den Straßen. Sie erschienen kurz, rauchten, schickten ein paar Raketen in den Berliner Nachthimmel und verschwanden wieder vor die Bildschirme. Zurück blieb Katharina Johann, die wissen wollte, was passierte, wenn die Welt nicht zuschaute. Zwischen die Newsticker-Meldungen auf ihrem Smartphone, die über den aktuellen Spielstand berichteten, schlich sich die Nachricht vom Bombardement auf Jerusalem. Eine Nachricht, die bei vielen sicher unterging. Was konnte wichtiger sein als das Spiel? Mit dieser Nachricht in der Hand stand Katharina Johann allein auf der Straße – und es ist dieses Bild, das sich dem Leser aus ihrem kleinen Büchlein „Während das Spiel lief“ in die Erinnerung einbrennt. Eines von vielen Fundstücken ihrer einstündigen Wanderung durch eine ausgestorbene Stadt. Da sind kurze Momentaufnahmen, Blicke durch Fenster, Geräusche, die niemand außer ihr hörte und Bilder, die niemand außer ihr sah, weil alle anderen die gleichen Bilder aus Brasilien bejubelten.

Im ruhigen Rhythmus ihrer Atemzüge hat Katharina Johann so ein beinah meditatives Buch geschrieben, das sich im Freudentaumel am Ende des Spiels (und des Buches) auflöst. Das Spiel ist vorbei und Johann wieder eins mit der Welt.

Rezension: “Paying the Price”

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Julia Mirren lässt in ihrem Roman „Paying the Price” zwei Welten brutal miteinander kollidieren. Dabei beginnt eigentlich alles ganz harmlos. Die Begegnung mit der 16-jährigen Sophie, einer Tochter aus gutem Londoner Hause, Schülerin an einer elitären Privatschule, wiegt den Leser in Sicherheit. Sophies Welt ist in Ordnung. Humanitäre Katastrophen und Armut kennt sie nur von den Flyern für die Wohltätigkeitsveranstaltungen, die sie hin und wieder organisiert und besucht – eben, weil es so von ihr erwartet wird. Man möchte Sophie gern oberflächlich und verwöhnt nennen, doch das wäre zu einfach gedacht. Ein solch simples Schubladendenken würde Julia Mirren, die bereits zwei großartige Romane geschrieben hat, nicht zulassen. Schon auf den ersten Seiten entsteht ein komplexeres Bild ihrer ersten Heldin.

Doch Sophie bleibt nicht lange allein. Ihr stellt Mirren Aishwarya gegenüber, ein 14-jähriges Mädchen aus dem indischen Rana Plaza. Der Kontrast zwischen den Lebenswelten dieser beiden Mädchen ist brutal. Eine Schule hat Aishwarya nie besucht. Stattdessen schuftet sie schon seit ihrem 12. Lebensjahr in einer Textilfabrik. Sieben Tage in der Woche näht sie Kleidung für den unersättlichen westlichen Markt. Geld bekommt sie dafür keines. Sie hat sich nach dem Sumangali-Schema für fünf Jahre verpflichtet und wird erst nach dem Ende dieser Zeit vergütet. Oder auch nicht. In ihrem kurzen Leben hat Aishwarya schon mehrfach erlebt, wie die Arbeiterinnen um ihren Lohn gebracht wurden. Der Leser trifft das Mädchen zum ersten Mal, als sie auf der Fabrik-Toilette von einem Aufseher misshandelt wird. Dort sollte sie sich vor den Kontrolleuren verstecken, die die Fabriken regelmäßig nach Fällen von Kinderarbeit durchsuchen. Ihre Schreie bleiben unter der Hand ihres Peinigers ungehört.

Der Sprung aus der glamourösen Welt von Sophie, die sich gerade mit ihren Freundinnen zum Shoppen aufmacht, ist wie ein Schlag ins Gesicht – und genau getimet. Wie eigentlich alles in „Paying the Price“. Von nun an erhaschen wir nur noch Schlaglichter auf die Welt von Aishwarya, sehen gerade so viel, dass wir uns das Grauen ausmalen können, das die Arbeiter dort täglich erleben, aber eben nicht so viel, dass sich ein klaren Bild zeichnen ließe. Das, so schreibt Julia Mirren in ihrem Nachwort, ist gewollt. „Ich möchte, dass der Leser anteilnimmt und selbst mehr in Erfahrung bringen möchte. Ich gebe Hinweise und sensibilisiere, aber dieses Buch kann nur etwas bewirken, wenn die Leser anschließend selbst recherchieren und aktiv werden.“ Mit „aktiv werden“, meint Julia Mirren zum Beispiel, dass sie Billigketten und Textil-Discounter meiden und mit einem bewussten Konsumverhalten der Forderung nach Gerechtigkeit Nachdruck verleihen. „Dass nicht mehr viel Geld für faire Arbeitsbedingungen und Entlohnung übrig bleibt, wenn ein T-Shirt 3 Euro kostet, sollte jedem Menschen klar sein, der nicht nur an sich selbst denkt. Dagegen kann ich protestieren, indem ich dort einfach nicht mehr einkaufe“, schreibt sie.

Klar wird das auch Sophie, als sie in ihrem Sommerkleid einen eingenähten Hilferuf von Aishwarya findet. „Help“ steht in unbeholfenen lateinischen Buchstaben auf der Rückseite des Etiketts und dann wenige indische Worte, die Sophie in Schock versetzen und dazu führen, dass sie schließlich selbst mit einem Mitschüler nach Indien aufbricht, um nach Aishwarya und ihren Leidensgenossinnen zu suchen. Zugegeben: Ein bisschen kitschig ist der Moment schon, in dem sie erkennt, dass jemand anderes einen hohen Preis dafür zahlt, dass wir in Europa für 4 Euro eine Hose kaufen können. Doch manche Dinge müssen eben dennoch gesagt werden.

 

Hinweis: “Paying the Price” ist ein Buch, das es nicht gibt. Lesen Sie mehr zum Thema: Vorwürfe gegen Textil-Discounter Primark, Kinderarbeit bei Primark, Shitstorm gegen Primark

Rezension: “Was machst du gerade?”

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– Innovative Kurzgeschichten erzählt im komplexen Verlauf von Facebook-Chroniken

Es gab schon mehrere Versuche, einen Facebook-Roman zu schreiben, doch keiner von ihnen führte bislang wirklich konsequent zu Ende, was dieser Ansatz impliziert. „Was machst du gerade?“ von Tina Süßmuth befreit sich endlich gänzlich von den Grenzen des konventionellen Romans und sprengt letztendlich jeden Rahmen seines Mediums. Während „Statusmeldung“ von Fabian Burstein seine Figur ausschließlich in die virtuelle Welt verlegt und mit einem realen Facebook-Profil für seinen Protagonisten die Grenzen zwischen Roman und Wirklichkeit verwischt, und „Zwirbler“, der angeblich erste offizielle „Facebook-Roman“, die Romanhandlung in Statusmeldungen in der eigenen Chronik vorantreibt, erzählt „Was machst du gerade?“ ganze Geschichten nur über Interaktionen im Verlauf einer einzigen Facebook-Chronik. Jedes fiktive Facebook-Profil eine eigene neue Geschichte von überraschender Komplexität – eine Revolution des Genres der Kurzgeschichte!

Cover Was machst du gerade

Es ist ein bisschen so wie an diesen Abenden, die sicher jeder kennt. Man checkt nur mal eben Facebook, da fällt einem ein Profil ins Auge. Man klickt drauf und scrollt sich durch die Chronik. Mit jedem neuen Post und mit jeder neuen Verlinkung erhält man ein bisschen mehr Einblick in ein fremdes Leben, erfährt, was die andere Person bereit ist, preiszugeben und liest von den Hoch- und Tiefpunkten ihres Lebens, von den glücklichen Momenten, Meilensteinen und ausgelassenen Augenblicken, die nirgendwo so schön aussehen wie in einem sommerlichen Selfie mit Freunden am See. Über eines dieser Bilder gelangt man dann vielleicht auf das Profil eines dieser anderen Freunde und die Tür in ein neues Leben öffnet sich. Der Voyeurismus 2.0 lässt grüßen, aber wer kann schon leugnen, dass es ihn auch ab und zu mal überkommt?

Vielleicht war es genau ein solcher Abend, der Tina Süßmuth zu ihrem Kurzgeschichten-Band „Was machst du gerade?“ inspiriert hat. Der Titel dürfte allen Facebook-Usern bekannt sein, ist es doch die Frage, die die Facebook-Statuszeile stellt, sobald man online kommt. „Erzähl mir von dir und deinem Tag“, suggeriert das soziale Netzwerk seinen Mitglieder und viele nutzen diese Frage nur zu gern als Anlass, zu erzählen. Insgesamt 20 virtuelle Chroniken und damit fiktive Leben erschafft Süßmuth in ihrem Büchlein. Genau die richtige Anzahl, um das Konzept auszureizen, aber nicht zu erschöpfen. Wir steigen mitten in das Leben eines fremden Menschen ein. „Arbeitsvertrag unterschrieben!“ „Sie hat ‚ja‘ gesagt!“ „Darf ich vorstellen? Das ist Johann Benjamin, geboren am 17.03.“ So oder anders lauten die Posts, die die Geschichten einläuten und das Setting vorgeben. Kommentare, Likes und Links schaffen dann einen eigenen Kosmos, an dessen Leseart wir als bewanderte Facebook-User längst gewöhnt sind. Das schafft ein ganz neues Gefühl von Realität, von Betroffensein. Die Schicksale, die Süßmuth vor uns ausbreitet, berühren uns stärker.

Die in ihnen verborgene Kritik an einem Leben, das sich immer mehr virtuell abspielt, trifft uns daher umso heftiger. Es scheint deshalb, als habe Süßmuth eines der wenigen quasi-literarischen Stilmittel gefunden, die in unserer Zeit Literatur noch zur Waffe machen können und in denen Gesellschaftskritik noch funktioniert. Zeitgemäß eben. Das ist die ganz große Leistung dieses ersten wahrhaften Facebook-Buches!

 

* “Was machst du gerade?” ist ein Buch, das es nicht gibt. Mehr dazu unter About.

Rezension: „Medienmanipulation erkennen für Dummies“

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– Pflichtlektüre für den mündigen Bürger, die für Medienmanipulation und gezielte Meinungsmache in den Medien sensibilisiert

Aus dem gegebenen Anlass der Ukraine-Krise hat Ferdinand Leitner ein Sachbuch veröffentlicht, das in keinem Haushalt fehlen dürfte und das in jeder Schule zur Pflichtlektüre gehören müsste: „Medienmanipulation erkennen für Dummies“. Der recht reißerische Titel leitet diejenigen fehl, die meinen, dass sich dahinter ein ebenso reißerischer Inhalt verbergen würde. Das Gegenteil ist der Fall: Leitner hat genau recherchiert und legt seine Ergebnisse fundiert und absolut faktensicher dar. Jede Online-Quelle, die zitiert wird, ist über einen in die Seitenspalte integrierten QR-Code mit dem Smartphone oder Tablet zu erreichen. Leitners Message ist damit ganz klar: „Lest es selbst nach, es ist alles da im Netz, es ist jedem frei zugänglich. Ihr müsst es nur wachsam sein, anstatt lediglich das zu konsumieren, was euch die Leitmedien vorlegen.“

Für Ferdinand Leitner sind die Leitmedien der größte Feind. Sie, die eigentlich Abstand zu denen wahren sollten, über die sie als „vierte Macht im Staat“ kritisch und objektiv berichten sollen, setzen sich auf Bilderberg-Konferenzen und in Think Tanks mit hochrangigen Politikern zusammen, auf denen die globale politische Marschrichtung bestimmt wird. Erst am 29. Mai 2014 trafen sich, so Leitner, in Kopenhagen 140 Personen aus 22 Ländern zu einer jener legendären Bilderberg-Konferenzen, über die es vor einigen Jahren noch hieß, es würde sie gar nicht geben. Darunter, neben führenden Unternehmern, Konzernchefs und Politikern, auch viele Journalisten, wie der Chef des Axel Springer Verlags. Hier wurden Themen besprochen, über die die Journalisten allenfalls berichten, auf deren Besprechungen sie aber eigentlich keinen Einfluss nehmen dürften. Auf der Agenda standen zum Beispiel die Zukunft der Demokratie und die Falle der Mittelklasse, die neue Architektur im Mittleren Osten und natürlich die Ukraine-Krise, das Thema, an dem Ferdinand Leitner sein Buch aufgezogen hat.

Studie “Meinungsmacht” von Uwe Krüger

Das Problem an der engen Vernetzung zwischen Politik und Medien liegt nicht in der bloßen Existenz dieser Vernetzung. Die Kontakte zu den höchsten Kreisen sind wichtig für die Arbeit der Journalisten: Hier erhalten sie Informationen, die sie nirgendwo sonst bekommen können. Das Problem ist jedoch, dass sie sie viel zu häufig nicht weiterkommunizieren. „Aufgabe des Journalisten wäre es, das, was er auf solchen Konferenzen erfährt, direkt und ungefiltert an den Bürger heranzutragen. Nur so kann der sich eine fundierte Meinung bilden und verantwortungsvoll Entscheidungen treffen und handeln“, schreibt Leitner. Immer wieder greift er dabei auf die Studie “Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten” von Uwe Krüger zurück, die 2014 veröffentlicht wurde, um zu beweisen, dass die Realität anders aussieht.

Krüger machte nämlich eine erschütternde Erkenntnis: „Die Journalisten [die an der Münchener Sicherheitskonferenz teilgenommen hatten] lagen ganz auf Linie mit den Eliten und benutzten sogar klassische Propagandatechniken. […] alle vier haben die Gegner der Konferenz, die Demonstranten und die Organisatoren der Münchner Friedenskonferenz, in ihren Artikeln entweder verschwiegen, marginalisiert oder delegitimiert. Und alle vier argumentierten bei den Themen Sicherheit, Verteidigung und Auslandseinsätze der Bundeswehr ähnlich („kognitive Vereinbarung“). […] Sie erwähnten häufig eine Reihe von Bedrohungen, denen Deutschland vermeintlich ausgesetzt ist, mahnten die Bundesregierung zu verstärktem militärischem Engagement und empfahlen zur Durchsetzung dieser Politik mehr Führung und mehr Überzeugungsarbeit an der skeptischen Bevölkerung.“

Wegweiser aus der Propaganda-Falle

Ferdinand Leitner hält das für eine erschreckende Entwicklung, denn sie sorgt dafür, dass der Bürger unmündig und verängstigt in der Ecke hockt und sich darauf verlässt, dass die Politiker schon die richtige Entscheidung treffen werden. Dass diese dabei aber eigene (etwa finanzielle, wirtschaftliche oder machtpolitische) Interessen verfolgen könnten, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Doch genau darum geht es Leitner in „Medienmanipulation erkennen für Dummies“. Er weiß: Bei der Flut von Informationen, der wir heute ausgesetzt sind, ist es kaum möglich, die einzelnen Artikel kritisch zu hinterfragen. Ein solches Hinterfragen erfordert nämlich Mündigkeit, ernsthaftes Interesse, Fähigkeiten und Informationen und vor allem Zeit. Man muss alles mit anderen Quellen nachprüfen und selbst rational nachvollziehen.“ Weil den meisten aber diese Zeit (und vielleicht auch das Interesse) dafür fehlt, verlassen sie sich auf das, was die Leitmedien berichten. Und gehen ihnen damit in die Propaganda-Falle.

Bei den Beispielen, die Ferdinand Leitner in „Medienmanipulation erkennen für Dummies“ anführt, fällt es einem dann wie Schuppen von den Augen, wenn Claus Neukirch, der für die Krisenprävention in der OSZE arbeitet, im ORF übergangen wird, wenn er richtigstellen will, dass es sich bei den Geiseln in der Ukraine keinesfalls um OSZE-Mitarbeiter handelte, sondern um Militärbeobachter ohne Legitimation durch das Wiener Dokument. Wenn der Historiker Karl Schlögel, ein „ausgewiesener und vielfach ausgezeichneter“ Kenner der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten im ZDF-Morgenmagazin, abgewürgt wird, als er die Hintergründe der Ereignisse auf dem Majdan beleuchten will. Oder wenn Klaus Kleber im heute-journal den Siemens-Chef Joe Kaeser fragt, was er sich dabei gedacht habe, jetzt nach Moskau zu reisen und Kleber richtet, dass das in Anbetracht des „Weltereignisses des russischen Eingreifens in der Ukraine, des – wenn man so will – Diebstahls der Krim, der internationalen Krisen“ vollkommen unangemessen war.

All diese Beispiele kann man sich in „Medienmanipulation erkennen für Dummies“ mithilfe der QR-Codes noch einmal ansehen und deren Hintergründe genau nachlesen. Gold wert ist das Buch auch für seine Linksammlung, die Interessierten von nun als Grundlage ihrer täglichen objektiven und ausgewogenen Nachrichtenrezeption dienen kann. Dazu gehören die „Propagandaschau“ des “Freitag” genauso wie heise.de, die NachDenkSeitecontra-magazin.com oder blog.fefe.de.

 

Sehr lesenswert zum Thema: http://guidograndt.wordpress.com/2014/04/28/ukraine-krise-tv-manipulation-und-richtigstellungen/

Rezension: “Der goldene Rat der Sterne”

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– Ein Märchen für Erwachsene, das Aufstieg und Fall der europäischen Idee nachzeichnet

„Es war einmal ein König, der hatte eine Idee: Er lud die Könige der Nachbarreiche zu sich ein und schlug ihnen vor, mit ihm ein Bündnis einzugehen. Jedes Königreich sollte eigene Vertreter in einen Rat entsenden dürfen, in dem gemeinsam über Probleme diskutiert und Pläne geschmiedet werden sollten“, so beginnt Karl Fritsche sein Märchen für Erwachsene, das den wunderschönen Namen „Der goldene Rat der Sterne“ trägt. „Die Idee war so einfach wie genial: Auf diese Weise wäre es den Königreichen möglich, Waren untereinander zu handeln, ohne Zölle erheben zu müssen. Darüber hinaus wäre das Bündnis nach außen hin stärker gegen Feinde, als jedes Reich für sich allein. Innerhalb des Bündnisses könnten die Königreiche einander unterstützen und so dafür sorgen, dass es allen gut ginge.“

Mit den Mitteln des klassischen Märchens lässt Fritsche noch einmal die Geschichte der Europäischen Union Revue passieren. Die Wahl des Genres ist dabei natürlich kein Zufall, denn das, was hinter der europäischen Idee steckt, war eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Märchenhaft, könnte man sagen. Das fand wohl auch Fritsche, der offenbar großen Genuss dabei empfand, seine Märchenlandschaft mit Symbolen und Metaphern vollzustopfen. Vieles davon offenbart sich nur Eingeweihten, die sich bestens in der Europapolitik auskennen, anderes jedoch erkennt jeder, der sich schon mal Gedanken über Europa und seine Zukunft gemacht hat. Überall lauern kleine Spitzen und hinter nicht wenigen Gesichtern seines Märchens entdecken wir plötzlich vertraute Zeitgenossen.

„Der goldene Rat der Sterne“ nimmt seinen Lauf, als die Könige in ihre Reiche zurückströmen und dort alles für das Bündnis vorbereiten. Wir beobachten, wie sich Eins in das Andere fügt und das Bündnis wächst und gedeiht. Auch hier lässt es Karl Fritsche nicht an Erfindungsreichtum und Fabulierfreude fehlen. Im Gegenteil: Er erschöpft sich in phantastischen Beschreibungen von Palästen aus purem Gold, edlen Waren und den besten Köstlichkeiten, die es plötzlich im Überfluss gibt. Doch dann der Wendepunkt: So einfach ist es nicht einmal im Märchen. Als eines der Reiche von einem alten Feind angegriffen wird und all seine Schätze verliert, gerät das gesamte Bündnis ins Straucheln. Es zeigt sich schnell: Das Gebilde ist zu groß und aufgeblasen, zu wackelig, zu instabil und viel zu anfällig für Störungen. Der goldene Rat der Sterne ist zu weit weg und zu fern von der Lebenswirklichkeit der Menschen.

Überall werden nun Stimmen laut, die fordern, die Reiche sollen das Bündnis so schnell wie möglich verlassen. Wie Ratten auf einem sinkenden Schiff versuchen die Adligen die Flucht zu ergreifen. „Sie ziehen uns alle mit den Abgrund“, rufen die einen Fürsten und horten ihre Schätze in sicheren Kammern unter der Erde. „Sie verschwenden unsere Reichtümer“, rufen die anderen Fürsten und lassen ihre Schatzkammern fortan von Drachen bewachen. „Es gibt zu viele zugereiste Fremde und nicht genug Boden, den sie bewirtschaften können“, rufen die Bauern. „Sie wissen gar nicht, wie wir hier leben und können deshalb auch keine Entscheidung für uns treffen“, rufen die Kaufleute und Handwerker in panischer Angst. Wiederum genießt es Karl Fritsche, den Untergang des Bündnisses nachzuzeichnen, zu schildern, wie verraten, belogen und verkauft sich die Menschen fühlten, und zu zeigen, wie die Menschen ihrer Wut offen Luft machten oder – und das geschieht immer häufiger – den Rat und seine Mitglieder mit Desinteresse und Missachtung strafen. „Sie hofften, wenn niemand mehr im Rat säße, würde sich das Bündnis sicher von selbst auflösen.“ Und es wird noch schlimmer: „Die Menschen in anderen Königreichen sandten mit Absicht die schlimmsten Gegner des Bündnisses in den Rat, damit sie ihn von innen zerstören könnten. Und tatsächlich bestand der Rat bald nur noch aus denen, die ihn abgeschafft sehen wollten.“

Sie reichen einander schlussendlich die Hände und reiten in verschiedene Richtungen davon. Und oben auf dem Turm seines Schlosses steht der alte König und trauert seiner Idee nach. „An sein Ohr klangen die verschiedensten Geräusche herauf: Das Klappern von Schlössern, die von den Gittertoren der Schatzkammern genommen wurden, das Schnauben von Drachen, die ihrer Fußketten entledigt worden und die nun wieder frei in die Lüfte aufsteigen konnten, und die Rufe der Herolde, die sofort munter erlassene Gesetze in alle Länder trugen. Der alte König seufzte und ließ sich müde auf seinen Thron sinken. Und wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt er da noch heute.“ Karl Fritsches Märchen für Erwachsene, „Der goldene Rat der Sterne“, erzählt vom Scheitern einer schönen Idee, die sich in der Praxis einfach nicht verwirklichen ließ. Seine Prognose für die EU ist eindeutig, doch Fritsche lässt auch durchklingen, dass er das bedauert.

Rezension: “Wie gut wir es hatten”

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– Kleiner Ratgeber mit großer Wirkung, der hilft den wahren Wert der Dinge zu vergegenwärtigen

„Wir wissen den wahren Wert einer Sache nicht zu schätzen – bis wir drauf und dran sind, sie zu verlieren“, sagt Tobias Krämer in seinem Buch „Wie gut wir es hatten“. Ein melancholischer Blick in die Vergangenheit, glaubt man bei diesem Titel. Doch das Gegenteil ist der Fall: Krämer zeigt, wie wir uns vergegenwärtigen, wie gut es uns geht. Auslöser, so Krämer im Interview, das der Verlag zur Veröffentlichung des Buches bereitstellte, war das Gefühl, das ihn überkam, als sich der Konflikt in der Ukraine zur weltweiten Krise auszuwachsen drohte. „Ich musste daran denken, dass ich den Frieden, die Sicherheit und den Wohlstand immer für selbstverständlich gehalten habe.“ Erst als all das plötzlich Gefahr lief, verloren zu gehen, wusste er den Wert dessen plötzlich zu schätzen. In seinem Buch nimmt Krämer dem Leser deshalb zunächst jede Illusion: Er sagt, dass nichts von Dauer ist. Sicherheit nicht. Frieden nicht. Nicht einmal das System, in dem wir leben. Auch persönliches Glück nicht, Gesundheit, die Gegenwart von Menschen, die wir lieben.

Ein düsteres Buch, sollte man meinen. Keines, das man lesen wollte. Doch „Wie gut wir es hatten“ fängt den Leser im Fall. Und zwar beinah wortwörtlich, denn Tobias Krämer zeigt, wie wir auf die Stopp-Taste drücken und uns den Moment vergegenwärtigen. „Ich dachte immer, die Formel ‚im Moment leben‘ sei esoterischer Humbug“, schreibt er. „Mit Meditation und Zen hatte ich doch nie etwas am Hut.“ Doch tatsächlich ist dieses „die Welt anhalten“, wie Tobias Krämer es nennt, eine Möglichkeit, einen Schnappschuss von ihr zu machen. Und einen Schnappschuss des eigenen Lebens. „Ich muss nicht jeden Morgen fürchten, dass die Menschen, die ich liebe, den Abend nicht erleben. Ich muss nicht darum bangen, ob ich am Abend etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf haben werde. Ich muss nicht in der Angst leben, einfach so auf offener Straße erschossen zu werden. Ich bin gesund. Ich habe einen Job und ein Einkommen. Ich habe die Menschen um mich, die ich liebe, und in meinen Hobbies die Möglichkeit, mich selbst zu entfalten.“ Während Krämer all diese Dinge auflistet, nickt man unwillkürlich. Es stimmt: Es geht uns wahnsinnig gut – auch wenn wir gerne jammern und klagen. Es geht uns besser als Millionen von Menschen überall auf der Welt, für die Krieg Alltag ist, die unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden und die nicht wissen, wovon sie ihre nächste Mahlzeit bezahlen sollen.

Doch das alles kann sich jeden Augenblick ändern. Deshalb gilt es, diese Momente festzuhalten und auszukosten. Denn mit einer globalen Krise vor der Haustür kann sich das alles so schnell ändern. Ein kleines Buch zum Innehalten – ohne esoterischem Humbug, sondern mit wachem Herzen geschrieben.